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Tatjana Heid/Helmut Stoltenberg
Kleine Kerze Hoffnung

GEDENKEN Gemeinsam mit Angehörigen der Ermordeten würdigten die Spitzen des Staates die Opfer des Rechtsterrorismus

Zehn Kerzen sind es. Zehn Kerzen für zehn ausgelöschte Leben. Eine davon für Halit Yozgat. Er war 21 Jahre alt, als er in seinem Internetcafé in Kassel erschossen wurde. Ermordet, weil er Deutschtürke war. Fast sechs Jahre später erhebt ein Mann mit schütterem Haar und Schnurrbart die Stimme. Er ist Halits Vater, sagt er.

Es ist Donnerstag, der 23. Februar 2012. Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremer Gewalt im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Eingeladen haben alle Verfassungsorgane, Anlass sind die im vergangenen Herbst aufgedeckten zehn Morde einer Neonazi-Zelle an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft und an einer Polizistin. An diesem Donnerstag ist der Himmel grau, auf den Straßen schimmern Pfützen, die Flaggen stehen auf Halbmast. Drinnen schweigen rund 1.200 Menschen: Angehörige der Opfer, Bundestagsabgeordnete, Länder-Vertreter, Ehrenamtliche aus Initiativen gegen fremdenfeindliche Gewalt, Schulklassen und Sportvereine, die sich um die Integration verdient machen.

Bitte um Verzeihung

Ismail Yozgat hat sich kurzfristig entschieden zu reden, sein Name taucht nicht auf dem offiziell ausgegebenen Programm auf. Und doch hält es ihn kaum auf seinem Platz in der ersten Reihe zwischen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU). Zu wichtig ist ihm seine Botschaft.

Er wolle keine finanzielle Unterstützung sagt er. Sattdessen habe seine Familie drei Wünsche: dass die Schuldigen gefasst werden, dass die Straße, in der sein Sohn geboren und ermordet wurde, in Halitstraße umbenannt wird und dass im Namen aller zehn Opfer eine Stiftung für Krebskranke ins Leben gerufen wird. Dann drückt Ismail Yozgat sein Vertrauen aus. Vertrauen in die deutsche Justiz, in das Land, das ihn zuvor enttäuscht hat. Und das sich an diesem Tag entschuldigt: Es sei beklemmend, dass einige Angehörige der Mordopfer jahrelang selbst zu Unrecht unter Verdacht gestanden haben, sagt Merkel auf der Veranstaltung. "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung."

"Schande für unser Land"

Zuvor gedenkt sie namentlich jedes einzelnen Opfers. Die Morde seien "eine Schande für unser Land", betont die Kanzlerin und erinnert an alle anderen Opfer rechtsextremistischer Gewalt. Für sie steht eine elfte Kerze.

Dann ruft Merkel alle Bürger der Bundesrepublik auf, entschieden gegen Intoleranz und Rassismus einzutreten. Dabei müsse der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung täglich geführt werden, in Elternhäusern, in der Nachbarschaft, in Schulen, Gemeinden und Betrieben. Gefährlich seien nicht nur Extremisten, sondern auch diejenigen, die Vorurteile schüren und ein Klima der Verachtung erzeugen. "Aus Worten können Taten werden", warnt Merkel.

Allein mit staatlichen Mitteln ließen sich Hass und Gewalt nicht begegnen, fügt sie hinzu. Vielmehr brauche man auch "Bürger, die nicht wegsehen, sondern hinsehen". Oft genug nehme man rechtsextreme Vorfälle nur "als Randnotiz" wahr, vergesse zu schnell und verdränge, "was mitten unter uns geschieht". Dies geschehe auch aus Gleichgültigkeit, die "Risse mitten durch unsere Gesellschaft" treibe. "Deutschland, das sind wir alle - wir alle, die in diesem Land leben, woher auch immer wir kommen, wie wir aussehen, woran wir glauben, ob wir stark oder schwach sind, gesund oder krank, mit oder ohne Behinderung, alt oder jung", unterstreicht die Kanzlerin: "Wir sind ein Land, eine Gesellschaft."

Ein langer Weg

"Imagine all the people living life in peace" - Stell Dir vor, alle Menschen leben in Frieden, erklingt kurz darauf John Lennons Vision von einer friedlichen Welt - ein Menschheitstraum und immer noch so weit entfernt. Semiya S¸ims¸ek, Tochter des ersten Opfers der Mordserie und in Deutschland "geboren, aufgewachsen und fest verwurzelt", mahnt, gemeinsam zu verhindern, dass anderen das Schicksal der von der Mordserie betroffenen Familien widerfährt: "Wir alle gemeinsam, zusammen - nur das kann die Lösung sein". Gamze Kubas¸ik, deren Vater ebenfalls den Morden zum Opfer gefallen war, spricht von der "Hoffnung auf eine Zukunft, die von mehr Zusammenhalt geprägt ist".

Für diese Hoffnung auf eine gute, eine bessere Zukunft steht eine zwölfte Kerze. Die beiden Töchter tragen sie hinaus. Die Gäste erheben sich und folgen ihnen. Schweigend. Es wird ein langer Weg werden, von Hoffnung zu Realität.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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