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Gastkommentar
Andreas Mihm
Einfachere Wege

Mit angemessener Ernsthaftigkeit hat der Bundestag den Weg zur Steigerung der Organspendebereitschaft bereitet. Die übergroße Zahl der Unterstützer des interfraktionellen Antrags weist den Weg, wie das geschehen soll: Mit mehr und besserer Information soll die Bereitschaft zur Organspende und deren Dokumentation wachsen. Das ist löblich: Es kann den 12.000 auf ein Spenderorgan wartenden Patienten helfen, es entlastet Angehörige, es erschwert unethischen Handel mit Organen.

Die nun vorgeschlagene Lösung wird "Entscheidungslösung" genannt. Das Wort leitet in die Irre. Die Kassen, private wie gesetzliche, sollen die Versicherten anschreiben und ein Ja oder Nein zur Organspende verlangen. Der Bürger kann sich der Entscheidung aber durch Nichtstun entziehen. Es geht also nicht um eine Entscheidungs-, sondern um eine Bedrängnislösung. Sie ist mit vielen Fragezeichen versehen. Die reichen von der ethischen Fundierung des staatlichen Vorgehens, der (Un-)Sicherheit der Diagnose "Hirntod" bis zu Fragen des Datenschutzes.

Die vorgeschlagene Lösung mag zu einer höheren Spendebereitschaft führen. Doch bleibt die Frage, ob es nicht einfachere Wege gäbe, dieses Ziel zu erreichen. Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass eine bessere Organisation, speziell ausgebildete Ärzte, die auch geschult sind im Umgang mit den Abschied nehmenden Angehörigen, zu mehr Organspenden führen. Wege dazu hat die EU vor Jahren in einer Richtlinie beschrieben. Die muss bis August umgesetzt sein. Der Bundestag will sie jetzt beschließen. Er hätte das schon lange tun können. Nicht zuletzt die Diskussion um die "Entscheidungslösung" hat ein Verfahren verzögert, das vielleicht Hunderten das Leben hätte retten können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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