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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Der Erfolgsmensch: Daniel Bahr

Den Organspendeausweis hat er stets dabei. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr engagiert sich seit Jahren für Organspenden. In seiner Heimatstadt Münster ist er in Initiativen dazu aktiv. "Wir wollen keinen Zwang ausüben", sagt der Liberale: "Aber wir wollen überzeugen, dass es wichtig ist, sich mit der Organspende auseinanderzusetzen." So sieht es der FDP-Minister als "ganz starkes Signal", dass sich alle Bundestags-Fraktionen für die "Entscheidungslösung" bei der Reform des Transplantationsgesetzes geeinigt haben. Bahr hofft auf einen "Ruck" bei den Bürgern, wenn sie von ihren Kassen aufgefordert werden, sich zu Organspenden zu erklären.

Wie steht er zur Praxis in Spanien oder Österreich, wo Bürger als Organspender gelten, wenn sie nicht Nein dazu sagen? "Die Widerspruchslösung setzt auf die Faulheit der Menschen und widerspricht meinem liberalen Verständnis", sagt Bahr. Organspende ist für ihn "ein Akt der Nächstenliebe, zu dem man sich aktiv erklärt".

Mit der Reform des Transplantationsgesetzes kann Bahr einen Punkt aus der großen Baustellenliste seines Ressorts streichen. Ein anderer ist das Landarztgesetz, das Ende 2011 nach langem Streit verabschiedet wurde. Auch ein Gesetzentwurf für mehr Patientenrechte liegt inzwischen vor. Allerdings hakt es noch bei der von der Koalition 2009 angekündigten Großreform der Pflegeversicherung. Sicher scheint erst einmal eine neue Beitragserhöhung 2013, dafür bekommen Demenzkranke mehr Leistungen aus der Versicherung.

Mit der Übernahme des Gesundheitsressorts von Philipp Rösler im Mai 2011 hat sich ein großes Karriereziel von Daniel Bahr erfüllt. Dem schwierigen und von Lobbyisten umstellten Thema Gesundheit widmete er sich schon früh zielstrebig. Als er 2002 als 25-Jähriger in den Bundestag einzog, kam er gleich in den Gesundheitsausschuss. 2005 avancierte er zum Fraktions-Gesundheitsexperten und im Herbst 2009 unter Schwarz-Gelb zum Parlamentarischen Staatssekretär im Gesundheitsressort unter Minister Rösler.

Vom Trio der Jungen, das nach dem Ende der Ära Westerwelle 2011 die Macht bei den Liberalen übernahm, steht Bahr derzeit am besten da. Ex-Generalsekretär Christian Lindner hat sich verabschiedet und will nun bei der NRW-Wahl reüssieren. Rösler reibt sich als Parteichef, Wirtschaftsminister und Vizekanzler auf - bei katastrophalen Umfragewerten für die FDP. Daniel Bahr ist ehrgeizig, ein Erfolgsmensch. Er hat den Riecher, Situationen gut zu erkennen. Sein Ziehvater Jürgen Möllemann aus Nordrhein-Westfalen hat Bahrs politisches Talent früh erkannt und ihn bei den Landes-Liberalen gefördert. Aus dem derzeitigen FDP-Durcheinander hält er sich bisher geschickt heraus. Diszipliniert hat er nach Amtsantritt erst einmal still gearbeitet. In den vergangenen Wochen ist Minister Bahr in die Offensive gegangen: Er verkündete die Stärkung der Patientenrechte, äußerte sich zu Details der Pflegereform, versprach Hilfen für Senioren-WGs, regte die Verteilung der großen Kassen-Überschüsse an die Versicherten an und präsentiert sich jetzt als Matador bei der Organtransplantation.

Bahr steht für eine geradezu mustergültige Parteikarriere: Geboren im rheinland-pfälzischen Lahnstein und aufgewachsen in Münster, trat er mit 14 den Jungliberalen bei. Nach dem Abitur machte er eine Banklehre, arbeitete bei der Dresdner Bank und studierte dann Volkswirtschaft und Business Management mit Master-Abschluss an der Universität Münster. 1999 wurde Bahr Chef der Jungliberalen. Seit 2002 sitzt er im Bundestag.

Wenn bei allem Erfolg nur nicht die schlechten FDP-Werte da wären. Hier plädiert Bahr für beharrliche Arbeit bei liberalen Kernthemen, denn "unsere Wähler wollen keine fünfte sozialdemokratische Partei im Bundestag". Seit Ende 2010 führt der mit einer Anwältin verheiratete Marathonläufer die NRW-Liberalen. Demnächst gibt er das Parteiamt zugunsten des Spitzenkandidaten Lindner ab. Bahr fürchtet eine Zerreißprobe für sich durch eine Doppelbelastung. Dieses Zurückzucken könnte seine Position in der FDP schwächen. Will er gleichwohl für Rösler an die Parteispitze rücken, wenn die FDP bei der Wahl im Mai an Rhein und Ruhr scheitert? Nein, sagt Bahr ganz fest. Er wolle mit Rösler die FDP "zu alter Stärke führen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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