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Verena Renneberg
Der Brücken-Sender

FERNSEHEN Seit 20 Jahren sendet Arte ein deutsch-französisches Programm aus der Mitte Europas

Es waren schon diverse europäische Medienprojekte gescheitert, als am 2. Oktober 1990 der Grundstein für eine mediale Brücke zwischen Deutschland und Frankreich gelegt wurde. Mit dem "Vertrag zwischen den deutschen Bundesländern und der Französischen Republik zum Europäischen Fernsehkulturkanal" entstand ein neuer Fernsehsender: "Arte". Dieses Akronym steht eigentlich französisch für die sperrige Bezeichnung "Association Relative à la Télévision Européenne". Übersetzt klingt das nicht weniger sperrig: "Zusammenschluss bezüglich des europäischen Fernsehens". Zugleich soll der Name Programm sein: Für Kunst soll die Marke stehen und für Kultur. Und genau so hat sich Arte in der Fernsehlandschaft etabliert.

Als "kulturelle Vergemeinschaftung über Landesgrenzen hinweg" lobt der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner von der Universität Siegen den Sender. Er sieht in ihm einen visuellen "Generationenvertrag" mit einem "allgegenwärtigen interkulturellen Moment". Seit 20 Jahren, befindet Kleiner, werde Arte dem jeweiligen Zeitgeist gerecht.

Sehgewohnheiten

Als einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung am 3.Oktober 1990 der deutsch-französische Arte-Staatsvertrag unterzeichnet wurde, war Berlin noch kein Bundesland. Aufgrund des Viermächte-Abkommens zählte es völkerrechtlich nicht zur Bundesrepublik. Und es sollte bis 1996 dauern, bis auch die fünf neuen Bundesländer dem Arte-Vertrag beitraten. Vor fast genau 20 Jahren, am 30. Mai 1992, nahm Arte seinen Sendebetrieb auf. Zunächst sendete der neue Kulturkanal nur wenige Stunden am Abend, dann stockte er sein Programm schrittweise auf. Seit 2006 sendet er rund um die Uhr.

Die Arte-Nachrichten, genannt "ARTE Journal", werden täglich um 19.10 Uhr ausgestrahlt - quasi in direkter Konkurrenz zur "heute"-Sendung des ZDF. Das Programmschema ist ähnlich wie bei anderen Sendern: Auf die Nachrichten folgen weitere Vorabendsendungen, das Hauptabendprogramm beginnt um 20.10 Uhr, fast zeitgleich mit den Hauptabendsendungen der meisten deutschen Kanäle. Früher begann die Primetime bei Arte um 20.45 Uhr - ein Zugeständnis an die französischen Zuschauer, denn in Frankreich beginnt der Fernsehabend traditionell durchschnittlich eine Stunde später als in Deutschland. Das ist in allen süd- und südwestlichen Ländern so und vielmehr dem warmen Klima denn kulturellen Traditionen geschuldet. Wegen der so unterschiedlichen Sehgewohnheiten fand die verspätete Hauptsendezeit beim deutschen Publikum keine Akzeptanz. Deshalb senden die deutsche und die französische Version von Arte mittlerweile zeitversetzt: In Frankreich beginnt das Hauptabendprogramm eine halbe Stunde später.

Politik und Kultur verknüpft

Die Nachrichten, wird Arte-Programmdirektor Christoph Hauser nicht müde zu betonen, sollen besonders, "einzigARTig" sein: Die Programmmacher haben den Anspruch, Politik und Kultur zu verknüpfen. Die Schnittmenge beider Bereiche sei größer als allgemein angenommen. Medienwissenschaftler Kleiner formuliert es direkter: "Arte hat den Kulturauftrag umgesetzt, dem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland nicht gerecht werden". Arte habe sich "sein Publikum ersendet", über Altersgrenzen hinweg. Kleiner verweist dabei auf das Popkultur-Magazin "Tracks", das seit 1997 ausgestrahlt wird und Kleiners Analyse zufolge eines der wenigen "nichtkommerziellen" Musikmagazine im deutschen Fernsehen ist. "Tracks" wird abwechselnd in Berlin, Paris, Hamburg und München produziert. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich hat es eine Fangemeinde - vor dem Fernseher und im Internet.

Abseits vom Mainstream sind auch die Spielfilme, die Arte ausstrahlt. Kunstfilme, Dramen und Problemfilme, oft entschleunigt, nicht zu vergleichen mit den Blockbustern aus Hollywood. Ein Aushängeschild des Senders sind seine Themenabende, die ARD und ZDF bereits in den 1980er Jahren zugunsten der Quote fast vollständig aufgegeben haben. Im Gegensatz zu den in Deutschland marktführenden Kanälen bietet Arte nicht nur kurze Dokumentationen von 30 oder 45 Minuten Länge, sondern strahlt auch Dokumentarfilme in Spielfilmlänge aus. Und: Arte sendet im Zweikanalton, deutsch und französisch.

Schon Jahre vor Unterzeichnung des Staatsvertrags sah mancher die Zeit für einen solchen Sender gekommen - vor allem in der Politik. Eine Periode des Tauwetters prägte das zuvor oft angespannte deutsch-französische Verhältnis.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Staatspräsident François Mitterand unterstützten das Projekt persönlich. In Insiderkreisen deutscher Fernsehsender, sogar bei Arte selbst, kursiert auch heute noch eine Anekdote, die hier und da, je nach Situation farbenreich ausgeschmückt wird: Kohl und Mitterand, so wird kolportiert, hätten den Sender in einer Bierlaune erfunden. Am Ende hat der Rotwein den Vorzug erhalten: Die Senderzentrale von Arte sitzt in Straßburg; eine weitere Dependance gibt es in Issy-les-Moulineaux nahe der Hauptstadt Paris und eine in Baden-Baden.

Abseits der Quoten

Jede ARD-Anstalt sowie das ZDF unterhalten ein eigenes Arte-Büro. Im "Sendezentrum 2" des ZDF auf dem Mainzer Lerchenberg gibt es sogar eine größere Abteilung. Finanziert wird Arte aus deutschen und französischen Rundfunkgebühren. Die Senderstruktur ähnelt der der öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten ARD und ZDF. Arte bietet aber nicht nur eigenen Journalisten eine Plattform, sondern beispielsweise auch den Korrespondenten des ZDF. Sie können bei Arte Themen platzieren, die im Hauptprogramm des ZDF keinen Platz finden - etwa eine Dokumentation über den "Tango Argentino", produziert vom ZDF-Südamerika-Studio. Eine Dreiviertelstunde über kulturelle und gesellschaftliche Hintergründe, Takt und Tonfolge, schwer und melancholisch. Die Verknüpfung von Politik und Kultur, die Geschichte eines Tanzes, der Paris und von dort aus die Tanzflächen in ganz Europa erobert hat.

Mit Europa-Magazinen wie "Yourope" und "Der Blogger" sollen junge Zuschauer angesprochen werden. Sie können sich via Internet an den Sendungen beteiligen. Die Facebook-Gemeinde liegt bei mehr als 30.000 Usern - erstaunlich viel. Denn der Martktanteil von Arte liegt in Deutschland nur bei etwa einem Prozent; in Frankreich ist er nicht viel höher, obwohl dort die Konkurrenz kleiner ist.

Im Wandel der Zeit

Immer wieder hat es bei Arte Programmreformen gegeben, zuletzt im Frühjahr 2011 und erneut zu Beginn dieses Jahres. Viele Stammzuschauer befürchten nicht erst seit den jüngsten Umgestaltungen von Sendeplätzen, Sendungen und Inhalten bereits eine Boulevardisierung und Popularisierung.

Die aktuelle Programmreform, heißt es seitens des Senders, "erleichtert dem Zuschauer durch seine klare Struktur den Zugang ins Programm". Samstags gibt es nun "neue kulturelle Trends für jüngere Zuschauer", am Sonntag "Programmereignisse", am Montag "Kinoklassiker des europäischen und internationalen Kinos". Thomas Frickel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), betrachtet die Reform mit Sorge: "Wir befürchten, dass sich Arte weiter dem Mainstream anpasst und für experimentelle Dokumentarfilme kein Platz mehr ist." Arte-Programmdirektor Christoph Hauser weist die Kritik zurück. Und auch wenn Arte das Programm stückweise modernisieren oder gar popularisieren sollte: Die komplette Bandbreite des sogenannten "Unterschichtenfernsehens" wird der Kulturkanal seinen Zuschauern wohl auch in den kommenden 20 Jahren kaum vorsetzen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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