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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Die Bewertung der Berufspolitiker durch die Wähler unterliegt einem steten Wandel. Wie die jüngste Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ergab, glauben nur noch 25 Prozent der Befragten, dass man über große Fähigkeiten verfügen muss, um Bundestagsabgeordneter zu werden. 1972 seien es noch 63 Prozent gewesen. Verantwortlich für diesen großen Ansehensverlust sei die Politikvermittlung durch das Fernsehen. Weiter ergab die Umfrage, dass die Bürger einen Politiker schätzen, der ihnen Orientierung gibt und auch gegen Widerstände an seinen Überzeugungen festhält.

Der bekannte finnische Politikwissenschaftler Kari Palonen belegt in seiner hochinteressanten Studie "Lobreden auf Politiker im Zeitalter der Demokratie", dass sich ein Aspekt im letzten Jahrhundert jedoch kaum geändert hat: die Beschimpfung der politischen Klasse: "Auch die in den vergangenen Jahren erschienenen Politikerbeschimpfungen folgen noch immer den seit 100 Jahren ausgetretenen Pfaden." Und die Bürger würden dabei keinen Unterschied zwischen einzelnen Politikern und ihren vermeintlichen Verfehlungen machen.

Palonen analysiert die Beschimpfungen und wie die Politiker und ihre Verteidiger darauf reagierten. Richtigerweise, bemerkt der Autor, begegneten die Politiker der populistischen Kritik an ihrer Arbeit zumeist mit Schweigen. Schließlich sei es vergeblich, "gegen die Gemeinplätze der populistischen Kritik mit einer Detailargumentation vorzugehen". Einer der ältesten Kritikpunkte der Bürger betrifft die angebliche "Bereicherung durch die politische Tätigkeit". Dieser Vorwurf kam bereits in den Diätendebatten des 19. Jahrhunderts in Frankreich, den USA, Großbritannien und Deutschland auf. Palonen widerlegt nicht nur diese Vorhaltung, sondern auch die vermeintlichen Alternativen einer direktdemokratischen Politik oder eines Antiberufspolitiker-Ethos.

Und Palonen hat den vielleicht wichtigsten Grund identifiziert für die Unpopularität der Politker: Die breite Öffentlichkeit kennt in der Regel die Bedingungen ihres beruflichen Alltags nicht.

Kari Palonen:

Rhetorik des Unbeliebten. Lobreden auf Poli-tiker im Zeitalter der Demokratie.

Nomos Verlag, Baden-Baden 2012; 209 S., 34 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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