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Heinrich Vogel
Kurz notiert

Der Staatsbesuch Präsident Putins in Berlin ruft das Ende 2011 erschienene Buch von Alexander Rahr in Erinnerung: "Der kalte Freund" versucht, die in Deutschland anhaltende Frustration über die russische Innen- und Außenpolitik aufzutauen. Als Leiter des Berthold-Beitz-Kompetenz-Zentrums für Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik beansprucht Rahr die Rolle des Insiders in einem unübersichtlichen Grenzbereich zwischen Politik und Wirtschaft. Wer vom Autor jedoch eine Beschreibung von Entscheidungsabläufen, eine genauere Benennung von Interessen und Akteuren im Hintergrund der russischen Politik oder gar eine Analyse des "Systems Putin" erwartet, legt das Buch frustriert nieder.

Zu Recht kritisiert Rahr das gängige Russlandbild im Westen, aber ihm selbst fehlt die Distanz. Und so präsentiert er Interpretationen der Weltpolitik und geostrategische Erfolgsformeln aus Moskau als Einsichten. Das Land verfüge nun einmal über "Bodenschätze unvorstellbaren Ausmaßes" und es werde "auch ohne radikalen Strukturwandel bei fossilen Energieträgern, Kernenergie und Rüstungstechnologie zum Weltmarktführer". Dass Russland sich mit dieser Wachstumsstrategie in der Falle eines Petro-Staates verfangen hat, ist für Rahr kein Thema. Ebenso wenig die ambivalenten außen- und sicherheitspolitischen Implikationen, die sich daraus für Nachbarstaaten ergeben. Mit seinem Aufruf an die deutsche und europäische Politik, Putins reaktionärem Großmachtmodell einen Sonderstatus unter dem Etikett der "strategischen Partnerschaft" einzuräumen, outet sich der Insider in der Rolle des Propagandisten. Aber vielleicht geht es ihm auch um Glaubensfragen, denn er hält eine beruhigende Botschaft bereit: "Die russische Führung besteht aus überzeugten Europäern, davon konnte ich mich bei einem persönlichen Abendessen im Kreml mit Putin selbst überzeugen." Ja, wenn das so ist...

Alexander Rahr:

Der kalte Freund. Warum wir Russland brauchen. Die Insider-Analyse.

Hanser Verlag, München2011; 298 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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