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Alexander Heinrich
Immer wieder sterben wir aus

DEMOGRAFIE

Das klingt dramatisch nach Schrumpfung: 1978 rechnete das Statistische Bundesamt in einem Modell mit 60 Millionen Menschen in der Bundesrepublik im Jahr 1999. Tatsächlich waren es rund zwanzig Jahre später ganze 22 Millionen Menschen mehr. Dass die Statistiker die deutsche Einheit nicht auf dem Zettel hatten, kann man ihnen nicht vorwerfen. Aber selbst bezogen auf das alte Bundesgebiet gab es rund acht Millionen mehr Menschen in Deutschland als in der Vorausberechnung von 1978. Die Geburtenrate war in den 1990er Jahren unerwartet nach oben geschnellt.

Das Beispiel zeigt ein Dilemma der Demografie. Ihre Aussagen über die Zukunft fußen auf den Voraussetzungen der Gegenwart. Der Koblenzer Statistiker Gerd Bosbach führt das mit einfachen Argumenten vor Augen: Eine Bevölkerungsschätzung für unsere Gegenwart in den 1950er Jahren konnte weder die Verbreitung der Anti-Babypille, noch den Zuzug der Gastarbeiter einkalkulieren, von der Epochenwende 1989 ganz zu schweigen. Einem Blick in die Glaskugel gleich käme eine Schätzung von 1900 für das Jahr 1950: In einer solchen Rechnung kämen die beiden Weltkriege schlicht nicht vor.

Statistiker sprechen nicht von Prognosen, sie arbeiten mit Modellen und Simulationen. Problematisch ist nicht, wenn sie mit den Zahlen einmal daneben liegen, sondern wenn - wie der britische Demograf David Eversley warnte - Annahmen über die Zukunft als Tatsachen verkauft werden, mit denen womöglich ganz gegenwärtige politische Interessen betrieben werden sollen.

Kritiker bestreiten nicht, dass es ein Gebot der politischen Klugheit ist, sich auf eine womöglich älter und kleiner werdende Bevölkerung einzustellen. Doch sie mahnen zur Nüchternheit. Der Historiker Thomas Etzemüller beschreibt in seiner Studie "Ein ewigwährender Untergang", wie seit Ende des 18. Jahrhunderts - übrigens nicht nur in Deutschland - stets die gleichen "apokalyptischen" Prognosen auftauchen: wir überaltern, schrumpfen, sterben aus. Unter dem Strich ist die Bevölkerung stets gewachsen.

Wie stark der Blick auf die Zahlen ideologisch getrübt sein kann, zeigt das Beispiel des Demografen Friedrich Burgdörfer, der als Erfinder der bis heute populären Pyramidengrafik gelten darf und sich nach 1933 mit den Nationalsozialisten gemein machte. 1930 mahnte Burgdörfer, dass das deutsche Volk "ausgeboren" zu werden drohe: Die Bevölkerungspyramide werde erst zur "Glocke" dann zur "Urne". Später sah er darin die Vorboten eines "Volks- und Rassetodes".

Ungesunde Pyramide Dabei warnte der Gießener Nationalökonom Paul Mombert davor, die Pyramide als Ausdruck einer "gesunden" Bevölkerungsstruktur zu werten. Sie sei vielmehr ein Anzeichen von Armut, schlechter Gesundheitsversorgung, geringer Lebenserwartung.

Trotz mancher Nähe von Demografie und Demagogie, wie sie etwa Tilo Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" vorgeworfen worden ist, setzt sich seit einigen Jahren eine sachliche Sicht durch. Nicht zuletzt der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages ist es 1992 bis 2002 gelungen, den neutralen Begriff "demografischer Wandel" zu setzen, vor allem aber den Blick auf Chancen und Potentiale einer älter werdenden Gesellschaft zu lenken.

Seit mehr als hundert Jahren wird vor "Vergreisung" oder gar dem "Aussterben" eines ganzen Volkes gewarnt. Recht behalten haben solche Stimmen nicht. Vielleicht sollte man sich beim nächsten Warnruf an eine Überschrift des Bevölkerungswissenschaftlers Ralf E. Ulrich halten, die er angesichts der Konjunkturen des demografischen Alarms über einen Beitrag setzte: "Wir sterben immer wieder aus."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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