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VOR 50 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Beginn der Spiegel-Affäre

26. Oktober 1962: "Spiegel"-Redaktion besetzt

"Wir haben" - Zurufe von der SPD zwingen Kanzler Konrad Adenauer (CDU) zu einer Pause - "einen Abgrund von Landesverrat im Lande." "Wer sagt das?", fragt Walter Seuffert (SPD). "Ich sage das", antwortet der Kanzler. Das Protokoll vermerkt "Laute Rufe von der SPD". Die Stimmung im Bundestag war aufgeheizt während der ersten Fragestunde zur Spiegel-Affäre am 7. November 1962. Keine zwei Wochen zuvor, am Abend des 26. Oktober, hatten Polizei und Bundeskriminaslamt die "Spiegel"-Redaktion besetzt. Mehrere Redakteure, darunter Conrad Ahlers und Herausgeber Rudolf Augstein, wurden verhaftet. Auslöser war Ahlers' Artikel "Bedingt abwehrbereit", in dem bis zu 41 Staatsgeheimnisse publiziert worden sein sollen - und ein wütender Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU), der angab, mit der Razzia nichts zu tun gehabt zu haben. Der Artikel berichtet über das NATO-Manöver "Fallex 62", das die Erkenntnis brachte, die Bundesrepublik sei gegenüber dem Warschauer Pakt nicht abwehrfähig; ein Angriff könne nur mit Hilfe westlicher Atomraketen abgewehrt werden. Schwere Geschütze gegen Strauß, der am 9. November im Parlament einräumen musste, die Festnahme Ahlers' doch veranlasst zu haben. Die Vorwürfe gegen den "Spiegel" erwiesen sich dagegen als haltlos. Heute wird oft hinterfragt, was aus einem kritischen Artikel eine Affäre machte. Hat die Bundesregierung angesichts der Kubakrise überreagiert? Oder war das schlechte Verhältnis zwischen Strauß und Augstein ausschlaggebend? Sicher ist: Während die Ereignisse zu einer schweren Regierungskrise führten, gilt der Ausgang der Affäre als Triumph für die Pressefreiheit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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