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AUFGEKEHRT

Digitale Muskelspiele

Die Chinesen kommen gewaltig. Auch im Internet. Seit vergangener Woche dürfen chinesische Schriftzeichen lateinische Buchstaben beim Domainnamen, der Adressbezeichnung, ablösen. Statt der bisher allein gültigen Landeskennung .cn können die Chinesen nun auch . schreiben. Was Zhong Guo oder "Reich der Mitte" heißt - die alte Selbstbezeichnung des fernöstlichen Landes, das sich jahrtausendelang als Mitte der damals bekannten Welt sah.

Ein wichtiger Sieg der prestigebewussten Chinesen gegen die amerikanischen Netz-Widersacher. Auch wenn kaum irgendwo sonst das Internet stärker im Griff der Krake Staat ist als in der Volksrepublik, verdächtigt das kommunistische Land die Amerikaner noch schlimmerer Dinge: via Microsoft, Google, Ebay, Amazon, Facebook oder Twitter eine moderne Internet-Diktatur über die Menschheit errichtet zu haben, mit dem Big Brother in den USA. Auch die Netzverwaltungs-Behörde Icann, die die Domainnamen vergibt und im kalifornischen Marina del Rey sitzt, ist nach Pekinger Lesart Teil dieses allumfassenden Imperiums. Aber Icann muss nachgeben. Auch Domainnamen auf Arabisch oder Kyrillisch sind inzwischen erlaubt, hier sind indes die Nutzerzahlen eher bescheiden.

So kann Chinas Internetgemeinde nun noch selbstbewusster auftreten. Über 510 Millionen Chinesen nutzen das Netz, der zweite Platz hinter den 565 Millionen Englischsprachigen. Aber schon 2015 könnte Chinesisch wichtigste Internet-Sprache sein. Aber Vorsicht vor großen Zahlen. Relativ sieht alles anders aus. Da sind die Deutschen oder besser Deutschsprachigen spitze: Im Verhältnis zum Anteil an der deutschsprachigen Weltbevölkerung führt Deutsch bei der Internetnutzung: 79,5 Prozent der Deutschsprachigen nutzen das Netz, bei den Englischsprachigen 43,4 Prozent und den Chinesischsprachigen nur 37,2 Prozent. Wir sind nicht nur Papst, wir sind auch Internet!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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