Inhalt

Alexander Weinlein
Wenig überraschend

VERTRIEBENE Studie zu NS-belasteten Funktionären im BdV

Eine Mehrzahl der Spitzenfunktionäre des Bundes der Vertriebenen (BdV) der Nachkriegszeit war erheblich in das nationalsozialistische Regime verstrickt. Dies belegt eine Studie des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), die der BdV in Auftrag gegeben hatte. Die Studie war von der BdV-Präsidentin und CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach im Jahr 2007 initiiert worden. Steinbach teilte am vergangenen Montag mit, "dass eine überwiegende Anzahl der damaligen Präsidialmitglieder in sehr unterschiedlicher Weise in das NS-Regime eingebunden oder durch eigene NS-Aktivitäten belastet war". Dies sei "für mich wenig überraschend", sagte Steinbach. Vor drei Jahren hatte sie gegenüber dem Online-Portal der Tagesschau jedoch noch geäußert, "wir haben mehr Widerstandskämpfer bei uns im Verband, als dass wir Nationalsozialisten haben".

Steinbach betonte in ihrer Erklärung zu den Ergebnissen der IfZ-Studie, die erste Verbandspitze des BdV habe sich "engagiert in unsere Demokratie" eingebracht. So habe sie maßgeblich an der Eingliederungs- und Lastenausgleichsgesetzgebung mitgewirkt. Steinbach fügte an: "Die Präsidenten, die unseren Verband besonders geprägt haben, waren der vom Nationalsozialismus verfolgte sudetendeutsche Sozialdemokrat Wenzel Jaksch und der Christdemokrat Herbert Czaja, der erwiesenermaßen in Opposition zum nationalsozialistischen Regime stand. Er weigerte sich, der NSDAP beizutreten. Von ihm wurde der Verband 24 Jahre lang geführt."

Träger des NS-Regimes

Die IfZ-Studie stuft elf von 13 Mitgliedern des BdV-Gründungspräsidiums als frühere "Träger des Regimes" ein, sie seien NSDAP- oder SS-Mitglieder gewesen. Ähnliches gilt für andere Funktionäre des Verbandes: "Gerade die Vertreter der mittleren und jüngeren Generation, die in den 50er-Jahren die Vertriebenenarbeit dominieren sollten, zeigten eine grundlegende Loyalität und Affinität gegenüber den braunen Machthabern", schreibt der Historiker Michael Schwarz in der Studie.

Erika Steinbach erklärt den hohen Anteil an NSDAP-Mitgliedern beim BdV folgendermaßen: "Ein Millionenheer an Entwurzelten versuchte verzweifelt wieder Grund unter die Füße zu kriegen. Organisationsstrukturen dafür gab es nicht. So ist erklärlich, dass es Männer mit zuvor gesammelter organisatorischer Erfahrung waren, die das Heft in die Hand nahmen." Dies sei in allen Ebenen der Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, der Medien und Politik so gewesen.

Diese "organisatorische Erfahrung" sammelten diverse BdV-Präsiden beispielsweise als Kriegsverwalter in besetzten Gebieten oder als "Gebietskommissar in der Ukraine". In mindestens einem Fall, so schreibt Schwartz in der Studie, sei es "sehr wahrscheinlich, dass der Betreffende an der ,NS-spezifischen Partisanenkriegsführung'" in Weißrussland beteiligt war.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag