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Alexander Weinlein
Kurz notiert

"Dieses Imperium muss auseinanderbrechen", betonte Liao Yiwu bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober dieses Jahres. Zugleich kritisierte er scharf die "westlichen Konsortien", die unter dem Vorwand des freien Handels "mit den Henkern" in Peking gemeinsame Sache machen. Der chinesische Dichter wurde 1989 für sein Gedicht "Massaker" inhaftiert und verbrachte vier Jahre im Gefängnis: Dort sei ihm seine "romantische Dichterhaut bei lebendigem Leibe abgezogen" worden. Diese Erfahrung verleiht dem Schriftsteller ausreichend Glaubwürdigkeit, um mit und über jene Menschen reden und schreiben zu können, die wegen ihrer Teilnahme an den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens von der Staatsmacht eingesperrt wurden.

Liao Yiwu lässt "die Ameisen, also die kleinen Leute zu Wort kommen": Sie hätten sich schützend vor die Studenten gestellt und seien von der chinesischen Armee dafür erschossen worden. Wegen "Rowdytums" seien Hunderte von ihnen ins Gefängnis oder in Arbeitslager geschickt worden, während den Studenten diese drakonischen Strafen erspart geblieben seien, weiß Liao Yiwu zu berichten. "Viele von ihnen gingen über verschiedene Kanäle ins Ausland." Auch Liao Yiwu gelang es 2011, über Vietnam nach Deutschland zu fliehen.

Der Träger des diesjährigen Friedenspreises schildert in zahlreichen Begegnungen und Interviews die vielen Einzelschicksale, die den Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Supermacht begleiteten. Ob Liao Yiwus Enthüllungsbuch eine ähnliche Rolle spielen kann wie einst Alexander Solschenizyns "Archipel GULAG" in der Sowjetunion, wird die Geschichte erweisen. Der Schriftsteller selbst ist davon überzeugt, dass sein Buch überhaupt keine Wirkung auf das System haben wird. Denn neben der Kugel - sie steht für die Gewalt und die Unterdrückung durch die KP Chinas -, verabreiche die Partei dem Volk mit Hilfe des Westens genügend Opium - in Gestalt eines anhaltenden Wirtschaftswachstums.

Liao Yiwu:

Die Kugel und das Opium.

Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012; 430 S., 24,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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