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Thomas von Winter
Kurz notiert

Entscheidungslösung gegen Widerspruchslösung

Nach § 3 des Transplantationsgesetzes (TPG) ist die Entnahme von Organen grundsätzlich nur dann zulässig, wenn der Organspender zu Lebzeiten darin eingewilligt hatte. Liegt keine Erklärung vor, ist die Entnahme nur gestattet, wenn die nächsten Angehörigen dieser zugestimmt hat. Diese sogenannte erweiterte Zustimmungslösung steht im Gegensatz zur Widerspruchslösung. Bei dieser ist die Entnahme nach dem Tod zulässig, sofern nicht ein Widerspruch zur Lebzeit des Verstorbenen oder eines Angehörigen vorliegt. Seit der am 1. August 2012 in Kraft getretenen Reform des TPG gilt für die Organspende in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung, die die erweiterte Zustimmungslösung ergänzt. Gemäß dem neuen § 1 TPG soll sich jeder Bürger regelmäßig im Leben mit der Frage der eigenen Spendebereitschaft auseinandersetzen. Er wird aufgefordert, hierzu eine Erklärung abzugeben. Die zuständigen staatlichen Stellen sowie die Krankenkassen sollen die Bevölkerung aufklären und Organspendeausweise zur Verfügung stellen (§ 2).

Hirntod als umstrittenes Kriterium

Die Voraussetzung für eine postmortale Entnahme von Organen ist nach § 3 TPG der irreversible Gesamthirntod. Dies bedeutet, dass nach Regeln, die dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, der nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm festgestellt sein muss. Das Hirntodkriterium ist jedoch nicht unumstritten. Für Kritiker des Konzeptes ist ein irreversibel hirngeschädigter Mensch so lange, wie sein Herz-Kreislauf-System noch arbeitet oder künstlich am Laufen gehalten wird, ein sterbender Patient und kein Verstorbener. Demgegenüber vertreten die Befürworter des Konzepts, die sich in der Fachwelt in der Mehrheit befinden, die Ansicht, dass mit dem Hirntod das bewusste Leben des Menschen irreversibel erloschen sei. Bei der Organkonservierung mit anschließender Organentnahme finde keine Lebensverkürzung statt. Teile des Organismus funktionierten nur deshalb weiter, weil sie mit Hilfe ärztlich-technischer Kunstgriffe am Leben erhalten würden.

Organentnahme und Transplantation

Gemäß § 9a TPG gilt jedes Krankenhaus, das über eine Intensivstation verfügt und in dem eine Organentnahme grundsätzlich möglich ist, als Entnahmekrankenhaus. Dieses Krankenhaus ist verpflichtet, den Hirntod potenzieller Organspender vorschriftsgemäß festzustellen, der zuständigen Koordinierungsstelle zu melden sowie die für eine qualitätsgerechte Entnahme erforderlichen Mittel bereitzustellen. Ferner hat das Krankenhaus nach § 9b TPG einen Transplantationsbeauftragten zu benennen. Er ist unter anderem verantwortlich für die Betreuung der Angehörigen verstorbener Spender und für die Organisation des Spendeprozesses im Krankenhaus. Die Übertragung von Organen ist nach § 9 und § 10 TPG hingegen den sogenannten Transplantationszentren vorbehalten. Ein Patient, der ein Spenderorgan benötigt, muss sich zunächst bei einem Transplantationszentrum vorstellen. Dort wird festgestellt, ob er für eine Transplantation in Frage kommt. Ausschlaggebend hierfür sind der gesundheitliche Zustand des Patienten sowie die Erfolgsaussichten des Eingriffs.

Organisation des Spendeprozesses

Zur Organisation von Organspende und Transplantation beauftragen der Spitzenverband Bund der Krankenkassen, die Bundesärztekammer und die Verbände der Krankenhausträger (Selbstverwaltung) eine Koordinierungsstelle. Diese Funktion hat seit Juni 2000 die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) inne. Ihre Aufgaben sind in einem Vertrag mit der Selbstverwaltung festgelegt. Die Koordinierungsstelle hat die Durchführung aller bis zur Übertragung erforderlichen Maßnahmen mit Ausnahme der Vermittlung von Organen zu organisieren. Die Krankenhäuser melden der DSO, sobald ein Verstorbener für eine Organspende in Betracht kommt. Zur Vermittlung von Organen beauftragt die Selbstverwaltung eine Vermittlungsstelle (§ 12 TPG). Als solche fungiert die private niederländische Stiftung Eurotransplant. Sie organisiert die Zuteilung von Spenderorganen in sieben europäischen Ländern. Die vermittlungspflichtigen Organe sind von der Vermittlungsstelle gemäß dem Stand der medizinischen Wissenschaft nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln. Die Wartelisten der Transplantationszentren bilden eine einheitliche Warteliste.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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