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Johannes Wetzel
Vorrang für Kinder und akut Gefährdete

FRANKREICH Im Nachbarland erfolgt die Verteilung von Organspenden in staatlicher Regie

Jeder Franzose ist ein potenzieller Organspender - oder doch beinahe. Denn wer in Frankreich seine Ablehnung einer Organspende nicht gegenüber Angehörigen bekundet oder sich nicht in die von der staatlichen "Agence de la biomédecine" (Agentur für Biomedizin) verwaltete Liste der "Organspenden-Verweigerer" eingetragen hat, gilt als einverstanden mit einer Organspende nach Hirn- oder Herztod. So sieht es das Bioethik-Gesetz von 2004 vor, das die Organspende in Frankreich regelt. Der Anteil der "Verweigerer" liegt bei etwas mehr als 30 Prozent der potenziellen Spender - die Agentur für Biomedizin arbeitet an der Sensibilisierung der Öffentlichkeit, um die Bereitschaft zu Organspenden zu fördern.

260 Mitarbeiter

Das Gesetz von 2004 löste das Bioethik-Gesetz von 1994 ab, mit dem der Staat die Organspende erstmals in eigene Regie nahm. Bis dahin war es der 1969 von Nobelpreisträger Jean Dausset gegründete - und noch existierende - Verein "France Transplant", der die Entnahme und Verteilung von Transplantaten koordinierte. Angesichts des Aufschwungs der Transplantationsmedizin und nach Affären wie der Verteilung HIV-infizierter Blutkonserven oder einem Skandal im Jahr 1992 - Eltern eines verunglückten Jugendlichen hatten die Entnahme von vier Organen gestattet, doch entfernten die Ärzte auch die Augen-Hornhaut und andere Gewebe - wurde mit dem Gesetz von 1994 das dem Gesundheitsministerium unterstellte "Etablissement Français des Greffes" (EFG) geschaffen. Nachdem diese Einrichtung 2004 auch Kompetenzen etwa in der Genmedizin bekommen hatte, wurde sie zur heute zuständigen "Agence de la biomédecine" mit 260 Mitarbeitern und einem Budget von 80 Millionen Euro erweitert.

Alle französischen Krankenhäuser sind zur Mitarbeit am Organspende-Verfahren verpflichtet. Nachdem bei einem möglichen Spender der Hirntod oder zunehmend auch wieder der Herztod festgestellt ist, befragt die "coordination hospitalière" am Haus zunächst das Verweigerer-Register, danach die Angehörigen und informiert die "Agence de la biomédecine". Das verfügbare Organ wird dann einem Zentral-Register gemeldet, in dem auch die Patienten eingetragen sind. Vorrangig versorgt werden unter anderem Kinder sowie Patienten, deren Leben kurzfristig gefährdet ist. Über die vom behandelnden Arzt beantragte Priorität entscheiden zwei Kollegen, die in einer anderen Region als der Antragsteller leben müssen.

Liegt keine besondere Dringlichkeit vor, wird das Organ in einer nach bestimmten Kriterien erstellten Rangfolge potenziellen Empfängern angeboten. Eine entsprechende Datenbasis existiert für Niere und Leber; für Herztransplantationen wird sie derzeit aufgebaut. Bei anderen Organen oder einer zweiten verfügbaren Niere erfolgt die Zuteilung zunächst lokal, dann interregional und national.

2011 fanden sich in Frankreich 1.630 verstorbene Spender, die mit durchschnittlich drei Organen beansprucht wurden. Auch dank der Einbeziehung älterer Spender und "suboptimaler" Organe wächst die Zahl der Transplantate, schneller aber noch die Zahl der Wartenden: Anfang 2011 waren es 9.997; weitere 6.374 trugen sich im Lauf des Jahres ein. Dem standen 2011 knapp 5.000 Transplantationen gegenüber. Frankreich steht so bei der Befriedigung der Nachfrage im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld. Johannes Wetzel

Der Autor lebt als freier Journalist in Paris.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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