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Verena Renneberg
Eine Niere schon für hundert Euro

ORGANHANDEL In armen Ländern bieten Menschen Körperteile gegen Geld an

Gerüchte über Horror-Hostels und verschwundene Touristen machen gelegentlich unter Brasilien-Reisenden die Runde. In Internet-Foren heftig diskutiert wird der Wahrheitsgehalt von Geschichten über US-Amerikaner, die an Brasiliens Stränden geurlaubt haben, aber nie in die Heimat zurückkehrt sein sollen. Organe, so die Fama, sollen den Touristen bei lebendigem Leib entnommen worden, die derart Ausgeweideten während der Tortur gestorben sein.

Belege für diese Internet-Legenden gibt es allerdings kaum. Anders als bei den Nachrichten über die Verurteilung dreier brasilianische Ärzte Ende 2011. Diese haben vor Gericht gestanden, weil sie Patienten bewusst fälschlich für hirntot erklärt hatten, um deren Organe zu entnehmen und zu transplantieren. Zwei Zeugen haben ausgesagt, sie hätten für die neuen Organe umgerechnet je etwa 30.000 Euro gezahlt.

Dass dies kein Einzelfall war, zeigt sich bereits in der bloßen Existenz der Organisation "Organ Traffic". Die nämlich beklagt Entführungen von Jugendlichen und Kindern, die dem Organhandel zum Opfer gefallen sind. In einigen Fällen sei nur der Rumpf von Menschen übrig geblieben, alles andere sei verwertet worden.

Menschen verschwinden

Aus der 200.000-Einwohner-Gemeinde Luziana im zentralbrasilianischen Bundestaat Goiás wurde im Februar vor drei Jahren über die Entführung von sechs Jugendlichen berichtet. "Organ Traffic" ging deren Verschwinden nach und musste dabei feststellen, dass bereits mindestens 200 Menschen aus der Region vermisst wurden. Beweise dafür, dass die Vermissten Organhändlern zum Opfer gefallen sind, gibt es laut Organisation nicht. Allerdings beklagt sie massiv ein aus ihrer Sicht mangelndes Engagement der Behörden.

Die Behörden wiederum unterstellen etwa den sechs vermissten Jugendlichen, in Drogengeschäfte verwickelt worden zu sein, um deren Verschwinden zu begründen. Drogenhandel und -missbrauch werden in Brasilien häufig als Argument für das Verschwinden von Menschen angeführt, wenn sich keine andere Erklärung finden lässt.

Immer wieder berichten brasilianische Medien von illegalen Geschäften mit menschlichen Organen. Vor einigen Jahren hatten im Nordosten des Landes bedürftige Menschen ihre Nieren für wenig Geld an ein südafrikanisches Krankenhaus verkauft. Zuvor war eine verzweifelte Mutter im Fernsehen interviewt worden, die ihr Neugeborenes ab- und für den Organhandel freigegeben hatte. Geld hatte sie nicht angenommen. Die Frau aus ärmlichen Verhältnissen hatte zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Kinder. Sie wusste offenbar schlichtweg nicht, wie sie noch ein weiteres hätte ernähren sollen.

Nicht nur aus Brasilien werden Fälle von illegalem Organhandel und damit verbundenen kriminellen Handlungen publik. Im Jahre 2004 wurde in Mozambique ein Massengrab entdeckt. Darin fanden sich Leichen von Kindern, denen Organe entnommen worden waren.

Auch aus Bangladesch werden gelegentlich derartige Fälle berichtet. Im August 2011 gelang der Polizei ein Schlag gegen das organisierte Verbrechen: Ein Organhändler-Ring wurde ausgehoben. Ärzte, Krankenschwestern und Geschäftsleute in der Hauptstadt Dhaka wurden verdächtigt, an dem Handel beteiligt zu sein. Die Kunden sollen aus dem benachbarten Indien sowie aus dem reichen Stadtstaat Singapur stammen.

In Pakistan und Nepal bekommen Spender zwischen 100 und 1.400 Euro für eine Niere. Zumeist benötigen sie das Geld, um Schulden zu begleichen, die sie bei Großgrundbesitzern haben: Das System im ländlichen Pakistan ist noch immer feudal; die Spender sind überwiegend Niedrigstlohnarbeiter aus der Landbevölkerung. Mit der Organspende geraten sie oft in eine neue Schuldenspirale. Denn die Organentnahme wird zumeist unter zweifelhaften medizinischen und hygienischen Bedingungen durchgeführt. Durch den Eingriff sind die Spender geschwächt, können weniger arbeiten und müssen oft über einen langen Zeitraum medizinisch versorgt werden, was neue, unerwartete Kosten verursacht.

Auch Europa betroffen

Nicht nur in Schwellen- und Entwicklungsländern, sondern sogar inmitten der EU gibt es Fälle von illegalem Organhandel. 2011 wurden in Polen 23 Verdächtige angeklagt, weil sie im Internet ihre eigenen Organe angepriesen haben sollen. Eine Niere soll für 24.000 Euro angeboten worden sein.

In der Kosovo-Hauptstadt Priština kam es vor zwei Jahren unter Beteiligung der EU-Rechtshilfemission Eulex zu einem Prozess gegen sieben Männer, die an einer Klinik in Priština bis 2008 einen schwunghaften Organhandel betrieben haben sollen. Etwa 15.000 Euro sollen Ärzte und Vermittler armen Osteuropäern und Asiaten für ihre Organe gezahlt haben. Laut Anklage haben sie diese dann für etwa das Zehnfache weiter verkauft - unter anderem nach Israel und Deutschland. Medien berichteten hierzulande im vergangen Jahr über einen deutschen Unternehmer, der sich in der Medicus Klinik für 82.000 Euro eine Niere transplantieren ließ.

Kriegsverbrechen

Zuvor sollen im Kosovo-Krieg 1999 gefangengenommene Serben von albanischen UCK-Kämpfern nach Albanien verschleppt, getötet und deren Organe auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sein. Im September 2012 präsentiert der für die Verfolgung von Kriegsverbrechen zuständige Belgrader Staatsanwalt Vladimir Vukcevic einen Kronzeugen, der dies bestätigt. Die EU hatte bereits 2010 Sonderermittler eingesetzt, um diesen Vorwürfen über illegalen Organhandel nachzugehen.

Die Anschuldigungen basieren auf Geheimdienstinformationen, die bereits seit 2003 vorliegen. Öffentlich machte sie Carla del Ponte, Chefanklägerin des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag (1999 bis 2007).

Zwar stehen diese und alle übrigen Fälle internationalen und illegalen Organhandels in keinerlei Beziehung mit den - vergleichbar unaufgeregten - Skandalen um Organtransplantationen in Göttingen und Regensburg. Doch werfen sie ihre Schatten auch auf die Spenderbereitschaft hierzulande, wissen Experten.

Angebot und Nachfrage

Der Organhandel folgt einem immer gleichem Muster: Menschen, die Geld haben, brauchen Organe. Und Menschen, die Geld brauchen, verkaufen Organe. Der Markt ist also da. Dass Menschen nicht bloß ihren Körper, sondern sogar komplette Teile ihres Körpers verkaufen, ist eine neue Dimension, die die Verzweiflung der Ärmsten der Armen weltweit zeigt. Noch schlimmer aber sind die Fälle, in denen Menschen ihrer Niere wegen gekidnappt, gefoltert und getötet werden. Das sind zumeist Menschen, die nicht vermisst werden, wie arme Jugendliche aus den Slums Lateinamerikas. Oder beispielsweise Flüchtlinge auf dem Sinai.

Vor rund zwei Jahren war es der US-amerikanische TV-Sender CNN Ägypten, der zuerst über kriminellen Organhandel in der Sinai-Wüste berichtete. Flüchtlingen aus dem Sudan, Äthiopien oder Eritrea sollen bei lebendigem Leibe Organe entnommen worden sein. Die meisten Opfer überlebten die brutalen Eingriffe nicht. Fotos im Internet dokumentieren die grauenhaften "Operationen", nach denen die Opfer verstümmelt zurückgelassen werden.

Das Thema hat auch den Deutschen Bundestag erreicht. Die Fraktion Die Linke hat im Herbst vergangenen Jahres eine Kleine Anfrage (17/11134) an die Bundesregierung gestellt, um sich nach dem Erkenntnisstand der Bundesregierung über den Menschen- und Organhandel auf der Sinai-Halbinsel zu erkundigen. Die Regierung antwortete ihr (17/11409), dass sie das Thema bereits kurz nach Auftreten erster Gerüchte 2011 bei der ägyptischen Seite "anhängig gemacht" und die ägyptischen Behörden zu einer aktiven Bekämpfung des Menschen- und Organhandels auf dem Sinai aufgefordert hat.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in Ägypten eine regionale Drehscheibe des Organhandels; die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht von einer "Tragödie quer durch zahlreiche Staaten".

Im Vorfeld des Staatsbesuches von Ägyptens Präsident Mohammed Mursi in Berlin zu Monatsbeginn forderten der Verein "Pro Asyl" sowie die Grünen-Politiker Tom Koenigs und Volker Beck Mursi auf, gegen den Menschen- und Organhandel vorzugehen.

Viel mehr ist meistens nicht möglich. Menschenrechtsorganisationen verurteilen den internationalen Organhandel und seine Hintermänner zwar immer wieder auf das Schärfste. Doch Details - vor allem aus Krisengebieten und unwegsamen, abgeschiedenen Regionen - sind selten und Zahlen so schwer zu beschaffen wie zu überprüfen.

Von den etwa 50.000 bis 60.000 afrikanischen Flüchtlingen etwa, die angeblich seit 2007 im Sinai illegal über die Grenze nach Israel geflüchtet sein sollen, sind nach Schätzungen der Organisation "Ärzte für Menschenrechte" (PHR) 5000 bis 7000 in beduinischen Folterkammern gelandet.

Einige Beduinenstämme sehen in den Flüchtlingen finanzielles Potenzial: Sie nehmen die Fremden im Umfeld der Flüchtlingslager gefangen. Dann nehmen sie telefonisch Kontakt zu deren Angehörigen in der Heimat, beispielsweise im Sudan auf, um Lösegeld zu erpressen. Zahlen diese nicht, verkaufen die Kidnapper die Organe ihrer Opfer, um so an Geld zu kommen.

Eine ganz neue Dimension des Organgeschäfts wurde schließlich im April 2012 aus China bekannt: Dort verkaufte ein 17-jähriger Schüler eine seiner Nieren, um sich von dem Erlös ein iPhone und ein iPad leisten zu können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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