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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Das erste Buch Shlomo Sands "Die Erfindung des jüdischen Volkes" (Propyläen 2010) war nicht nur in Israel ein Bestseller, sondern weltweit. In dieser herausragenden Studie hatte sich der Geschichtsprofessor von der Universität Tel Aviv kritisch mit dem Gründungsmythos Israels auseinandergesetzt. Sand verlangte von den Juden, sich von der Vorstellung zu lösen, sie seien das von Gott "auserwählte Volk". Außerdem solle sich Israel nicht als "jüdischer Staat" verstehen und auf seine "unzweideutige Apartheidpolitik" verzichten. Dazu gehöre, dass Israel seine "staatlich geförderte jüdische ‚Herrendemokratie' in den besetzten Gebieten" aufgebe.

Auch Sands zweites Buch "Die Erfindung des Landes Israel" gilt vielen Lesern als Provokation, wenngleich der Historiker erneut eine gründlich recherchierte Monografie über die Stellung des "Landes der Väter" seit den Zeiten Abrahams vorgelegt hat. Seine These lautet: Die Juden wollten weder im frühen Mittelalter noch in späteren Jahrhunderten in das "Land der Väter" zurückkehren. Anstatt nach Palästina seien sie später lieber nach Amerika ausgewandert. Stein um Stein zerstört der Historiker die jahrhundertelang gepflegte Erzählung über Israel und erklärt, wie aus biblischen Mythen historische Tatsachen wurden.

Vor Sand hatten sich bereits andere israelische Historiker wie Tom Segev von der zionistischen Geschichtsschreibung emanzipiert und gezeigt, wie die staatlich verordnete Geschichtsmanipulation funktionierte. Im Einzelnen widerspricht Sand einem "historische Recht" der Juden auf Palästina und kritisiert die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat. Nicht von ungefähr widmete Sand ihnen sein Buch und wurde dafür als "Hassjude" und "Nestbeschmutzer" verunglimpft. Allerdings öfter in der jüdischen Diaspora in den USA als in Israel selbst. Doch solchen Anfeindungen kann Sand gelassen entgegen treten. Als junger israelischer Soldat stand er im Juni 1967 nach der Eroberung Ost-Jerusalems selbst vor der Klagemauer.

Shlomo Sand:

Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit.

Propyläen Verlag, Berlin 2012; 396 S., 22,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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