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Christoph Birnbaum
Bolognese auf Europa-Tournee

Fleischskandal Der Weg vom Schlachter zum Verbraucher in der EU ist verwirrend. Der Preisdruck geht zu Lasten der Qualität

So haben sich die Bürger die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union sicherlich nicht vorgestellt: Tiefkühltransporter, die über rumänische, französische, niederländische und deutsche Autobahnen rollen, von Schlachthöfen zu Zerlegebetrieben fahren und anschließend zur Weiterverarbeitung und über den Discounter bis hin zur einzelnen Unternehmensfiliale. Und irgendwo zwischendurch auf den vielen tausend Kilometern Wegstrecke quer durch Europa wird dabei aus der anfänglich als Pferdefleisch deklarierten Ladung hochwertiges Rindfleisch. Das findet sich dann am Ende in Fertig-Lasagne, Hamburgern, Dosen-Gulasch, Chili Con Carne und Spaghetti-Bolognese wieder.

Bei keinem Lebensmittelskandal der letzten Jahre spielt der grenzüberschreitende Handel eine derart große Rolle wie beim jüngsten Pferdefleisch-Skandal. Auch wenn die Nachrichten über Spuren von Pferdefleisch in immer neuen Tiefkühlprodukten bei deutschen Discountern und Supermärkten nicht abreißen - auf nationaler Ebene, das wird immer deutlicher, ist den Betrügereien nicht mehr beizukommen. Ein Grund mehr dafür, dass sich die europäischen Verbraucherschutzminister der Falsch-Etikettierung von Fleischprodukten als erste annahmen.

Denn aufgedeckt worden ist der Pferdefleisch-Skandal im Norden der Europäischen Union ausgerechnet in dem Land, das zurzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat - Irland. Dort wurden bei Routinekontrollen Mitte Januar Spuren von Pferdefleisch in Rindfleisch-Hamburgern entdeckt. Es ging um Fertigprodukte der britischen Supermarktketten Tesco, Iceland, Aldi (UK) und Lidl (UK).

"Kriminelle Energie"

Anfang Februar wurde in einer Fertigungsanlage und in einem Fleischlager ebenfalls weiteres Rindfleisch mit Pferdefleischspuren entdeckt. Daraufhin ordnete die britische Lebensmittelaufsicht umfangreiche Untersuchungen an und der Skandal nahm europäische Dimensionen an. In der Folge wurden mit Pferdefleisch versetzte Rindfleischprodukte auch in Frankreich und Schweden entdeckt. Mittlerweile ist auch in Deutschland in vielen Fällen falsch deklariertes Pferdefleisch gefunden worden. "Der Betrugsfall nimmt immer größere Dimensionen an. Hier wurde offenbar mit großer krimineller Energie gehandelt", bilanzierte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) einige Tage später das bis heute bekannt gewordene Ausmaß der Betrügereien.

Seitdem arbeiten in ganz Europa Behörden intensiv an der Aufklärung des Pferdefleisch-Skandals. Ständig tauchen neue Firmennamen auf. Mühsam kommt Licht in das Netz aus Produzenten, Lieferanten und Händlern von Fertigprodukten. Vor allem aber wird deutlich, was bisher nur Kennern des Berufsstandes bekannt war - der hohe Grad an internationaler Arbeitsteilung auch und gerade bei der Fleischverarbeitung. So richteten sich anfangs alle Verdachtsmomente auf rumänische Schlachtbetriebe. Etwa 22 Euro bekommt ein Rumäne, wenn er seinen alten Gaul etwa an Doly Com verkauft, einen der Schlachthöfe, die sehr schnell im Zentrum der Affäre standen. Französische Ermittler beschuldigten die Rumänen, das Fleisch fälschlich als Rind deklariert zu haben. Der stellvertretende Vorsitzende des Agrarausschusses im EU-Parlament, José Bové, verwies darauf, dass seit sechs Jahren ein Verbot von Pferdefuhrwerken auf rumänischen Straßen besteht. Millionen Tiere seien daraufhin geschlachtet worden. Weil aber die Nachfrage nach Pferdefleisch in Rumänien nicht so hoch ist, sei das Fleisch in andere europäische Länder gelangt, so Bové. Allein im vergangenen Jahr wurden auf diese Weise aus dem südosteuropäischen Staat rund 350 Tonnen über eine in Zypern ansässige Firma zur Weiterverarbeitung nach Frankreich verkauft, um am Ende auch in Form von Fertigprodukten in den Regalen deutscher Discounter und Supermärkte zu landen. Die europäische Polizeibehörde Europol ist in diesem Zusammenhang einer Fleisch-Mafia auf der Spur und untersucht auch Verbindungen nach Italien und Polen.

Mittlerweile beschäftigt dabei der Pferdefleisch-Skandal in Rumänien auch höchste Regierungskreise. Ministerpräsident Victor Ponta sagte bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz, die Anschuldigungen aus Frankreich seien falsch. Rumänien wolle seine Unschuld vor Gericht verteidigen, so Ponta.

Laut Bukarest existieren keine Verträge mit französischen Firmen, in denen rumänische Unternehmen als Fleischlieferanten angegeben sind. Alle Zahlungen erfolgten über Offshore-Unternehmen. Deswegen sei es schwierig zu beweisen, woher das Fleisch wirklich stamme.

Zu Kebab verarbeitet

Doch die Ermittlungen auf nationaler und EU-Ebene konzentrieren sich nicht nur auf Rumänien. Die britische Lebensmittelaufsicht FSA hatte nach den Funden in Irland nach einer Razzia zwei Fleischverarbeitungsbetriebe in England und in Wales geschlossen. Der Betreiber eines Schlachthofs in der Grafschaft Yorkshire in Nordengland steht unter dem Verdacht, geschlachtete Pferde an eine Anlage in der Grafschaft Pembrokeshire in Wales weitergegeben zu haben. Dort wurde das Fleisch vermutlich zu Burger-Frikadellen und Kebabs verarbeitet.

Und auch in Deutschland wurden die Fahnder fündig: Bei einem Nudelgericht des Discounters Lidl, das ebenfalls Pferdefleisch enthielt, ließ sich der Hersteller im liechtensteinischen Schaan feststellen, die Rohware Fleisch allerdings lieferte eine Firma aus Ostbevern im Münsterland. Und bei einem Konservenhersteller im brandenburgischen Neuruppin, der ebenfalls in die Schlagzeilen geriet, wurden sechs verschiedene Zulieferer ausgemacht - vier deutsche, ein belgisches und ein niederländisches Unternehmen.

Die Europa-Tournee von Pferdefleisch-Bolognese und Dosen-Gulasch zeigt deshalb auch, wie unübersichtlich selbst innerhalb der EU der Weg vom Schlachter zum Endverbraucher heute verlaufen kann. Verbraucherschützer beklagen, dass das System es kriminellen Geschäftemachern dabei viel zu einfach macht. "Der europäische Binnenmarkt für Fleisch lädt dazu ein zu betrügen", sagt etwa Andreas Winkler von "Foodwatch". Während Fleisch heute regelmäßig über Landesgrenzen hinweg verschoben wird, endet die Zuständigkeit von Lebensmittelkontrolleuren zumeist an der Landesgrenze. Im föderal strukturierten Deutschland sind es sogar die Grenzen der einzelnen Bundesländer. Denn jedes Bundesland ist dafür verantwortlich, die heimischen Betriebe zu kontrollieren. "Die Lebensmittelkontrolleure hinken dabei zwangsläufig hinterher", sagt Winkler. Denn wenn irgendwo eine belastete Probe auftaucht, ist ein Großteil des Fleisches schon längst außerhalb der Landesgrenzen.

Auch der Chef des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, Manfred Woller, fürchtet, dass man durch die Globalisierung an Grenzen stoße: "Wenn wir wie jetzt im Fall des Pferdefleisches sehen, dass Fleisch über solche langen Wege über verschiedene Länder vermarktet und gehandelt wird, muss man sich fragen, ob wir so etwas brauchen", sagte er jetzt der Nachrichtenagentur dpa. Grundsätzlich hält er die Lebensmittel in Deutschland aber für sicher.

Ganz besonders schwierig aber ist die Herkunftskontrolle bei Hackfleischprodukten. Das hängt mit dem harten Preiskampf bei Lebensmitteln zusammen. Denn in vielen Fällen wird die Ware so oft mit anderer Ware gemischt, dass am Ende niemand mehr sagen kann, wo ein Kilo Hackfleisch am Ende wirklich herkommt. Das fängt damit an, dass ein Schlachtunternehmen Rinder verschiedener Bauern für die Schlachtung zusammen stellt, der Zerlegebetrieb ebenfalls gleiche Fleischstücke unterschiedlicher Tiere sammelt, die Tiefkühlspedition größere Transportmengen zusammen führt, Großhändler die Chargen wiederum für Zwischenhändler aufteilen und am Ende eine Ladung Rindfleisch zu Hackfleisch und damit endgültig zu einer anonymen Masse Fleisch verarbeitet wird. Dann geht es nicht selten weiter zu einem Weiterverarbeitungsbetrieb, der es mit anderen Zutaten, die ähnliche Europareisen hinter sich haben können, zu Lasagne, Pizza oder Burger "veredelt".

Aussagen der Lieferanten

So geht das Fleisch von Schlachttieren am Ende durch bis zu zehn, zwölf Hände. Und alle wollen mitverdienen, überall wird gespart auf Kosten des Preises. Nicht zuletzt, weil auch der Endverbraucher, der Konsument, nicht bereit ist, sehr viel Geld für Fleisch auszugeben. Das muss auf Kosten von Qualität und Transparenz gehen. Am Ende der Lieferkette kann kein Supermarkt- oder Discounter sagen, woher genau die Fleischanteile in den Fertigprodukten kommen. Sie berufen sich auf die Bestätigungen ihrer Lieferanten, die aber nicht wirklich nachzuvollziehen sind. Das reicht den meisten Handelsketten völlig aus. Schlimmer noch: Je mehr Stationen es dabei gibt, desto größer wird die Gefahr, dass sich jemand nicht an die Vorschriften hält und betrügt - eine Einladung für Betrüger und Kriminelle.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner will aus den bis jetzt bekannten Vorfällen die Konsequenzen ziehen und hat einen Katalog von Maßnahmen entwerfen lassen, um dem Etikettenschwindel bei Fleischprodukten zu unterbinden. Kernpunkt ist, die Fleischverarbeitung durch die Lebensmittelindustrie künftig schärfer zu überwachen. In Aigners Aktionsplan sind unter anderem zusätzliche Tests vorgesehen. Demnach sollen Prüfer fleischhaltige Gerichte nicht nur auf Anteile von Pferdefleisch testen, sondern auch auf andere nicht deklarierte Fleischzutaten. Dazu sei es wichtig, ein Frühwarnsystem aufzubauen, um zu erkennen, wo es für Betrüger attraktiv ist, durch den Austausch teurerer Produkte gegen billigere Zusatzgewinn zu machen. Aigners Vorschlag ist: Über Lieferketten und Schlachtlisten zu überprüfen, wo mehr von einer Fleischart hergestellt werde, die dann nirgends mehr auftauche. Die Ministerin will sich zugleich auf Ebene der Europäischen Union für eine erweiterte Kennzeichnung der Herkunft von verarbeiteten Lebensmitteln einsetzen. Bislang müssen Hersteller die Herkunft der einzelnen Zutaten nicht angeben.

Härtere Strafen

Politisch Verantwortliche und Verbraucherschützer diskutieren seit Tagen mögliche Lösungen. Bayerns Umwelt- und Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) etwa forderte, die Strafen bei falsch deklarierten Lebensmitteln zu verschärfen. Derzeit seien die Strafen "verhältnismäßig niedrig". Man sollte darüber nachdenken, die Fleisch-Panscherei "ordentlich unter Strafe zu stellen". Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag, Renate Künast, verlangte, dass verarbeitetes Fleisch gekennzeichnet und die Aufzucht- und Mastbetriebe benannt werden müssen. Brandenburgs Ressortchefin Anita Tack (Die Linke) sagte an die Adresse Aigners, sie erwarte erste Vorschläge für eine Herkunftskennzeichnung von Fleisch auch in Fertiggerichten. "Diese sollte kurzfristig auf den Weg gebracht werden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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