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AUFGEKEHRT
Alexander Heinrich
Im Zeichen der Kette

So mancher Beobachter meint ja, dieser Wahlkampf komme nicht in Fahrt, finde gar nicht statt oder hänge in den Ketten. Daran scheint zumindest eine Beobachtung richtig zu sein: die mit den Ketten. Eine lange Kette von Versäumnissen wirft zum Beispiel der sozialdemokratische Herausforderer Peer Steinbrück Bundeskanzlerin Angela Merkel vor. Von einer unglücklichen Pannen-Verkettung sprechen wiederum seine Kritiker, was Steinbrück seinerseits mit einem selbstbewussten "Hätte, hätte, Fahrradkette" zu parieren pflegt.

In den kriselnden Ländern Europas reichen die Verkettungen viel weiter, dort hängt das Wachstum durch wie Ketten. Die Konsequenz: Menschenketten auf den Straßen. Und der Vorwurf, Deutschland lege halb Europa - in Ketten. Eine Kettenreaktion beim Euro fürchten Merkel wie Steinbrück übrigens beide. Auch, dass Banken an die Kette gehören, ist Konsens (die Länge der Kette allerdings nicht). Beim Fernsehduell setzte man beiden eine Moderatoren-Viererkette vor die Nase, und im Anschluss sprach halb Deutschland selbstredend wieder über eine Kette, eine schwarz-gelb-rote nämlich, die Angela Merkel zum Duell angelegt hatte. Während die Amtsinhaberin damit also ein gutes Händchen beweist, muss sich auch Peer Steinbrück in Ketten-Angelegenheiten nicht verstecken: Seine Partei versteht sich schon aus ihrer langen Geschichte heraus auf das Sprengen von Fesseln und Ketten. Gegen die Gebirgsketten, die Angela Merkels Popularitätswerte aufwerfen, hat der Herausforderer allerdings bisher kein Rezept gefunden. Wenn er bis zum 22. September keines findet, könnte es den Deutschen mit der Bundeskanzlerin übrigens wie mit einer Kette ergehen: Die Fans schmücken sich mit ihr - die Kritiker hätten sie vier weitere Jahre am Hals.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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