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Wolfgang Drechsler
Auf den Schultern von Riesen

SÜDAFRIKA Nach dem Tod des großen Vorbilds Nelson Mandela schaut das Land mit Sorge in die Zukunft

Wenn ein Land sich seiner Unterdrücker entledigt, verläuft seine Geschichte oft nach einem vertrauten Muster: Auf die Euphorie der Befreiung und das Versprechen, fortan alles besser zu machen, folgen nicht selten Ernüchterung und Wut. Oft finden die neuen Machthaber das Regieren weit mühsamer als sie anfangs glaubten. Ebenso schwer fällt ihnen die Überwindung der eigenen Vergangenheit. Zumeist zeigt sich erst hier, in der zweiten Phase des Übergangs, wohin sich ein Land nach einer größeren Umwälzung bewegt.

Korruption

Dies gilt auch für den Wandel Südafrikas von der Apartheid zur Demokratie. Viele Menschen am Kap sind heute bitter enttäuscht über das Ausmaß an Korruption und Inkompetenz der Regierenden - und erinnern sich mit viel Nostalgie der politischen Führer, die das Land vor 20 Jahren von den Weißen übernahmen und die damals noch mehrheitlich dem Gemeinwohl verpflichtet waren. Mit dem Tod des südafrikanischen Gründervaters Nelson Mandela ist nun auch der letzte der großen Widerstandskampfer aus dieser Generation verschwunden.

Seine enttäuschenden Nachfolger Thabo Mbeki und vor allem Jacob Zuma sind zu einer Projektionsfläche für den Verrat und die Ängste geworden, die viele Südafrikaner in dieser zweiten Phase des Übergangs nun empfinden. Viele begreifen erst jetzt, dass auf das zunächst weltweit bewunderte Land am Kap womöglich doch nicht das Happy End wartet, das seine Bürger nach der friedlichen Überwindung der Apartheid fast automatisch als Belohnung dafür erwartet hatten. Stattdessen werden sie fast täglich daran erinnert, dass sich Stadtverwaltungen und Behörden aber auch staatliche Schulen und Hospitäler heute in einem weit schlechteren Zustand als zum Machtantritt des Afrikanischen Nationalkongress (ANC) vor 20 Jahren befinden und ihm durch den Tod von Nelson Mandela nun auch noch der moralische Kompass abhanden gekommen ist. Während sich die einen in ihrer Verzweiflung an den Mythos der Regenbogennation klammern und die Zustände verklären, beschwören andere nach dem Tod Mandelas düster eine Nacht der langen Messer.

Bürgergesellschaft

Beides sind Extreme, die wenig mit der Realität am Kap zu tun haben. Sie verdecken, dass zwar nicht die stark angeschlagene Wirtschaft, aber zumindest das politische System am Kap seit dem Rückzug Mandelas im Jahre 1999 gewisse Fortschritte gemacht hat. Das Land hat zwar eine oft schwierige und frustrierende, aber gleichzeitig auch lebendige und deshalb auch hoffnungsvolle Demokratie. Dass es dem ANC bislang nicht gelungen ist, die 1996 verabschiedete und 1997 in Kraft getretene Verfassung des Landes gleich wieder zu unterhöhlen, verdankt Südafrika der Widerstandskraft seiner Bürgergesellschaft, allen voran den kritischen Medien aber auch der (noch) unabhängigen Justiz. Beide haben sich in den vergangenen 20 Jahren trotz aller Rückschläge als ein Bollwerk erwiesen, das nicht einfach zu knacken sein dürfte. Auch die Opposition ist am Kap weit lebendiger und bissiger als viele glauben.

Arroganz der Macht

Diese Erfahrung musste auch Präsident Zuma machen, als er Mitte Dezember ausgerechnet auf der offiziellen Trauerfeier für Nelson Mandela vor den Staatschefs aus aller Welt von den Besuchern ausgebuht wurde. Es war ein klares Indiz dafür, dass die Menschen sich nicht von der Machtarroganz des ANC einschüchtern lassen, sondern ihn vielmehr daran erinnern wollten, dass die Partei die Macht am Kap nur treuhänderisch verwaltet.

Während Nelson Mandela darum wusste und die Verfassung stets respektierte, fühlen sich seine heutigen Nachfolger ihr immer weniger verpflichtet. "Sie wollen die Verfassung nicht nur ändern, sondern sie aushöhlen, ihr Innerstes beseitigen und der Gesellschaft ihre eigenen Vorstellungen aufzwingen", warnt etwa Barney Mthombothi, ein führender schwarzer Journalist. Genau dies dürfte auch erklären, weshalb viele Südafrikaner nach dem Tod Mandelas mit Sorge in die Zukunft blicken. Nicht wenige befürchten, dass die parlamentarische Demokratie am Kap nur dank der physischen Präsenz Mandelas überlebt hat - und seinen Tod nun womöglich nicht überdauert.

Die Pfiffe und Buhrufe für Zuma auf der offiziellen, in die ganze Welt übertragenen Trauerfeier für Mandela bedeuten noch lange nicht, dass Zuma in Kürze abgelöst oder sein ANC bei den Wahlen im nächsten Jahr gar die Macht verlieren wird. Vor allem letzteres erscheint schon wegen der Aura des ANC als Befreier praktisch als ausgeschlossen. Dennoch dürfte es für viele Südafrikaner ein befreiendes Gefühl gewesen sein, mitten in der Trauer um ihren verstorbenen Volkshelden gespürt zu haben, das sie nicht mehr nur auf Nelson Mandela angewiesen sind, sondern das Schicksal ihres Landes als mündige, emanzipierte Bürger selbst in der Hand haben. Es ist eine Einsicht, die vieles verändern könnte - und auf die Mandela gewiss stolz gewesen wäre.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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