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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

"In Russland wird alles oben entschieden -im Kreml", sagte der bekannte russische Schriftsteller Vladimir Sorokin vor fünf Jahren in einem Interview mit "Das Parlament". Deshalb sei es so wichtig, wer dort herrsche. Der Kreml sei ein Ort, "der die Menschen, die dorthin geraten sind, verändert, ja mutiert. Und sie mutieren nicht zum Besseren". Für Sorokin verkörpert der Kreml die Mystik der russischen Staatsgewalt. Russland war jahrhundertelang ein zentralistischer Staat mit dem Kreml als Zentrum. Dessen symbolträchtige Rolle in der russisch-sowjetischen Geschichte hat die britische Historikerin Catherine Merridale in ihrem empfehlenswerten Buch jetzt meisterhaft entziffert.

Sie ist vom Kreml fasziniert und bezeichnet ihn als Russlands Klagemauer. Sie erzählt eine "neue" Geschichte der berühmtesten Festung der Welt, in deren Mittelpunkt seine Herrscher und Bewohner stehen. Merridale tut dies mit emotionalem und sachlichem Blick zugleich. Im Zentrum ihrer Betrachtungen stehen die Philosophie und Ikonographie der Kreml-Herrscher.

Die Autorin, die sich mit ihren Büchern über die stalinistische Sowjetunion und die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg einen Namen machte, lässt Krönungen, Paraden und andere Rituale im Kreml und auf dem Roten Platz vor dem Auge des Lesers lebendig werden. Sie entzaubert die Glorifizierung des Staates, die gegenwärtigen Propagandaveranstaltungen, mit einer Mischung aus christlich-orthodoxen und autoritär-kommunistischen Elementen, die die Kontinuität und Autorität der Macht im heutigen Russland bestätigen sollen.

"Das Hauen und Stechen der Realpolitik, die Kompromisse, die Korruption und die Händel werden verborgen, weil alles auf Mythen beruht", schreibt Merridale über die Lage im Lande. "Wie viele Regime der Vergangenheit sucht auch die heutige russische Regierung Schutz hinter den ikonischen Mauern und der spiegelglatten Perfektion des Kreml". Nach Meinung der Historikerin lässt dies für die Zukunft Russlands nichts Gutes erwarten.

Catherine Merridale:

Der Kreml. Eine neue Ge- schichte Russlands.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014, 624 S., 26,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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