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Russland
Oliver Bilger
Der Preis der Krim

Wenn es um den eigenen Wohlstand geht, dürfte die Begeisterung vieler Russen für den Kurs des Kremls enden

„Krim nasch“, „die Krim gehört uns“, lautet der geflügelte Begriff mit dem Russen den Anschluss der Schwarzmeer-Halbinsel in die Russische Föderation gutheißen. Ein halbes Jahr liegt das Referendum über den Anschluss zurück, der Zuspruch ist gerade auf 73 Prozent gestiegen, im März lag der Anteil noch bei 64 Prozent. Das ist das Ergebnis der jüngsten Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums, das breite Anerkennung für seine unabhängigen Befragungen genießt.

Die, aus russischer Sicht, „Wiedervereinigung“ mit der Krim hat auch die Zustimmung zur Politik von Präsident Wladimir Putin in den vergangenen Monaten massiv in die Höhe getrieben. Anfang August erreichte der Zuspruch für sein Handeln den Rekordwert von 87 Prozent – trotz wachsender internationaler Isolation, Sanktionen des Westens sowie Moskaus Gegenmaßnahme: das Importverbot von Lebensmitteln.

Dass eine überwältigende Mehrheit den Kurs des Präsidenten unterstützt führen Soziologen und Politologen auf mehrere Faktoren zurück: Putin zeigt Entschlossenheit und Stärke, was bei der Mehrheit der überwiegend konservativen Bürger gut ankommt. Gleiches gilt für Moskaus Kurs gegenüber dem Westen, vor allem gegenüber USA und Nato: Ein knappes Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges sei Russland wieder ein gewichtiger und somit ernstzunehmender internationaler Akteur – ein Wunsch vieler seit dem Zerfall der Sowjetunion. Patriotische Berichterstattung und das Propaganda-Dauerfeuer der meisten Medien untermauern den Zuspruch für den Präsidenten.

Die Krise habe die Sicht auf die Politik des Kreml grundlegend verändert, erklärt Lew Gudkow, Leiter des Lewada-Zentrums. Nicht nur Staatsmedien und Regierung, auch große Teile der Bevölkerung habe sich an ein anti-westliche Ideologie gewöhnt; an die Wahrnehmung: „wir gegen die“.

So gibt die Mehrheit dem Westen die Verantwortung für den Ukraine-Konflikt. Putins Politik betrachten sie als Schutz geopolitischer, ethnischer und ökonomischer Interessen Russlands. Einen militärischen Konflikt mit dem oder im Nachbarland lehnen die meisten Russen allerdings ab. In einer Umfrage von Ende Juli sprachen sich zwar viele für eine Unterstützung der prorussischen Regionen im Südosten der Ukraine aus – meinten damit allerdings humanitären und diplomatischen Beistand. Die aktuelle Stimmung in der russischen Bevölkerung wird jedoch nicht lange andauern, meinen Experten. Bereits Ende August ist der Zuspruch für Präsident Putin um einige Prozentpunkte gesunken. Beobachter erwarten, dass die Unterstützung des Kreml-Kurses zum Jahresende bis auf das deutlich niedrigere Niveau vor der Ukraine-Krise zurückfällt.

Noch aber lenke die Krise die Öffentlichkeit von inneren Problemen ab, sagt Gudkow. Die konservative Mehrheit reagiere erst mit einiger Verzögerung auf aktuelle Geschehnisse. Der Lewada-Chef erwartet, dass sich im November erstmals ein Stimmungsumschwung bemerkbar macht. Die Folgen der aktuellen Politik sind bereits zu spüren. Der Anfang August verhängte Importstopp gegen Lebensmittel aus dem Westen führt inzwischen zu einem teils gravierenden Preisanstieg: Geflügel-, Schweine- und Rindfleisch kosten in einigen Regionen bis zu 30, 40 und sogar 60 Prozent mehr.

Teure Lebensmittel und steigende Inflation stoppen den Reallohnzuwachs, schwacher Rubel und lahmende Wirtschaft setzten Russland zusätzlich zu, das Land schlittert in eine Rezession. Zudem muss Moskau Milliarden für die Krim aufwenden. Bei den Bürgern aber endet die Begeisterung für den Krim-Anschluss, wenn es um den eigenen Wohlstand geht. Einen persönlichen Anteil für die Kreml-Politik zu zahlen – dazu sind deutlich weniger Russen bereit.

Sanktionen Dass man um diese Befindlichkeiten auch im Kreml weiß, zeigt die Reaktion Putins am vergangenen Freitag auf die neuerliche Verschärfung der Sanktionen durch die EU und die USA. Diese zielen unter anderem auf den Zugang großer russischer Rüstungs- und Energiekonzernen zu den EU-Finanzmärkten. Putin nannte diese Maßnahmen „wenig effektiv“ und „antirussisch“. Seine Regierung werde Gegensanktionen vorbereiten, sagte der Präsident, nicht ohne zu ergänzen, dass diese aber den Interessen Russlands nicht schaden dürften. Oliver Bilger

Der Autor ist freier Korrespondent in Moskau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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