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JOURNALISMUS
Volker Müller
Ausgezeichnet

Martina Meißner und Ullrich Deppendorf erhalten Medienpreis Politik des Bundestages

Radio ist nicht out. Kein Fernsehfeature, kein Online-Blog und auch nicht die klassische Zeitungsreportage haben in diesem Jahr den Medienpreis Politik des Deutschen Bundestages gewinnen können, sondern ein gut 13-minütiges Hörfunkstück, das WDR 5 am 10. Dezember 2013 in der Reihe „Zeitzeichen“ gesendet hat. Bundestagspräsident Norbert Lammert überreichte der Autorin Martina Meißner in der vergangenen Woche den mit 5.000 Euro dotierten Medienpreis.

Dass Meißner von der siebenköpfigen Jury auserkoren wurde, lag nicht zuletzt am Thema. Ihr Beitrag erinnerte an die „Einführung der Zwischenfrage im Bundestag am 10. Dezember 1953“ – ein „akustisches Kalenderblatt“ zum 60. Jahrestag, wie Jury-Chef Thomas Kröter in seiner Laudatio feststellte. Mit dem Preis, der 1993 zum ersten Mal vergeben wurde, belohnt der Bundestag „hervorragende publizistische Arbeiten, die zu einem vertieften Verständnis parlamentarischer Praxis beitragen und zur Beschäftigung mit Fragen des Parlamentarismus anregen“.

Meißner greift mit ihrem hörenswerten Beitrag nicht nur ein Jubiläum der Parlamentsgeschichte auf, sondern liefert eine mehrere Jahrzehnte umspannende Collage von Redeschnipseln zwischen amtierendem Bundestagspräsidenten oder -präsidentin, Redner am Pult und Zwischenfrager – rhetorische Miniaturen von Konrad Adenauer bis Norbert Lammert, von Liselotte Funcke bis Rita Süssmuth, von Herbert Wehner bis Guido Westerwelle.

Für Thomas Kröter („Kölner Stadtanzeiger“ und „Mitteldeutsche Zeitung“) ist Meißners Reminiszenz „ein Stück lebendiger Journalismus“. Zwar seien Debatten nicht immer so lustig und geistreich wie in Meißners Collage, doch sei der Bundestag nicht die „Quasselbude“, die Roger Willemsen in seinem Bestseller vom „Hohen Haus“ beschreibe. Martina Meißner lasse die Hörer miterleben, wie eine Zwischenfrage auch in „profilierungssüchtige Laberei“ ausarten könne, sagte Kröter.

Sonderpreis Nachdem der Parlamentskorrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Günter Bannas, 2011 den nicht dotierten Sonderpreis „zur Würdigung seines bisherigen Gesamtschaffens“ im Jahr 2011 erhalten hatte, zeichnete Lammert in diesem Jahr erneut einen Veteranen des Parlamentsjournalismus aus: Ulrich Deppendorf, langjähriger Leiter des Hauptstadtstudios der ARD und Moderator des „Berichts aus Berlin“. Lammert charakterisierte Deppendorf als einen über „viele Jahre herausragend prominenten Hauptstadtkorrespondenten, der die Berichterstattung nicht nur begleitet, sondern maßgeblich mitgeprägt“ habe. Lammert erinnerte vor allem an die denkwürdige Live-Übertragung der Bundespräsidentenwahl 2010 in voller Länge und an Deppendorfs Tätigkeit als Koordinator der ARD-Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006. Er dankte Deppendorf für dessen „außergewöhnlich lange, außergewöhnlich intensive und außergewöhnlich konstruktive Begleitung unserer parlamentarischen Arbeit“.

Daniel Goffart, Jurymitglied und Leiter der Hauptstadtredaktion des Magazins „Focus“, nannte Deppendorf einen Journalisten mit Leib und Seele, „seit 1987 das Gesicht der ARD-Wahlberichterstattung“. Der „schnörkellose, lakonische Blick“ des gebürtigen Esseners sei immer durchgeschienen, Floskeln und Ablenkungsmanöver seiner Gesprächspartner habe er sofort durchschaut.

Deppendorf, der in diesem Jahr in den Ruhestand geht, räumte ein, vielleicht den „schönsten Job in der ARD“ gehabt zu haben. Den Preis nehme er auch für seine Hörfunk-, Fernseh- und Internetkollegen im Hauptstadtstudio entgegen. Die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Anstalten sieht Deppendorf nach eigenen Worten vor allem in der Vermittlung von Information. Gerade im Internetbereich könne das noch weiter ausgebaut werden.

Nominiert für den Medienpreis war neben Martina Meißner auch Georg Löwisch, Textchef des Monatsmagazins „Cicero“ mit seiner Reportage „Der Abfracker“ über den CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Mattfeldt. Warum der 45-jährige ehemalige Bürgermeister der Gemeinde Langwedel, der seit Oktober 2009 den Wahlkreis Osterholz-Verden im Bundestag vertritt, der Augustausgabe 2014 des Magazins sechs Seiten wert war, erschließt sich aus dem Teasertext: „Ein Mann treibt die Erdgasindustrie in die Defensive. In der CDU drückt er seine Kritik am Fracking durch. Geschichte über die Macht eines einzelnen Abgeordneten.“

Nominierte Ebenfalls nominiert war Alexa Hennings, freie Hörfunkautorin, mit einem am 4. Mai 2014 im Sender NDR info gesendeten Beitrag über Hikmat Al Sabty, den ersten Migranten im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. „Unter Deutschen. Hikmat Al Sabty und die Politik“ ist das eine knappe Stunde dauernde Feature betitelt, das den 60-jährigen gebürtigen Iraker vorstellt, der der Linksfraktion im Schweriner Parlament angehört. Al Sabty studierte Agrarwissenschaften in Göttingen und wurde 1989 in Bonn promoviert. Der Rostocker war 2011 über die Landesliste der Linken ins Parlament eingezogen.

Bundestagspräsident Lammert erinnerte an den Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, den er als brutalen, feigen Anschlag nicht nur auf Menschenleben, sondern auch auf die irreversiblen Grundlagen einer freiheitlichen Grundordnung verurteilte. Auch die Karriere des Begriffs „Lügenpresse“ als pauschale Diffamierung von Medien vom Ersten Weltkrieg über den Nationalsozialismus bis zum Unwort des Jahres 2014 streifte er. Der Befund der Bertelsmann-Studie von 2014, dass nur ein Viertel der Befragten in den vergangenen Monaten eine Bundestagsdebatte verfolgte und dass sich die Zahl der Medienberichte über die parlamentarische Arbeit
halbiert hat, sollte das Parlament nach Ansicht Lammerts ebenso elektrisieren wie die Parlamentskorrespondenten. Beim Medienpreis Politik könne hingegen eine ansteigende Entwicklung festgestellt werden. Die Jury habe für 2014 eine Rekordzahl an Bewerbungen entgegengenommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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