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FÜNF FRAGEN ZU:
Annette Sach
Tunesien

Vergangene Woche kamen bei einem Anschlag des IS in Tunis 21 Menschen ums Leben. Kommt der islamistische Terror jetzt nach Tunesien?
Es gibt dort schon seit längerem islamistischen Terror. Dieser beschränkte sich vor allem auf den Süden. Aber ich hoffe, dass sich die Leute durch dieses grausame Attentat nicht einschüchtern
lassen. Vor allem wünsche ich mir jedoch, dass das, was die Menschen in Tunesien bislang geschaffen haben, nicht zusammenbricht.


Schätzungen zufolge sollen mehr als 3.000 Tunesier für den IS in Syrien kämpfen. Was sind die Gründe dafür?
Eine These ist, dass viele, die nach der Jasminrevolution die islamischen Parteien an der Macht haben wollten, enttäuscht waren und den Weg einer Regierung der nationalen Einheit nicht mitgehen wollten.
Zudem sehen gerade junge Leute aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit keine Perspektive für sich. Und es gab in Tunesien über eine gewisse Zeit ein Rechtsvakuum, was auch eine Rolle gespielt haben könnte.

Sie sind mit der deutschmaghrebinischen Parlamentariergruppe im Februar in Tunesien gewesen. Welche Stimmung herrschte dort?
Die Gesellschaft ist dort sehr offen und man spürt eine echte Aufbruchsstimmung. Tunesien hat traditionell eine starke Zivilgesellschaft und auch durchaus einflussreiche Gewerkschaften. Ich habe bei vielen – gerade auch bei den Frauen – einen gewissen Stolz auf ihr Land spüren können.


Was sind nach Ihrem Eindruck die drängendsten Probleme in Tunesien?
Am wichtigsten ist, dass sich die Wirtschaft weiterentwickelt und ein sicheres Rechtssystem aufgebaut wird. Es gibt viele gut ausgebildete junge Leute, die vor allem eine Arbeit und damit auch eine Perspektive brauchen. Das Land muss in vielen Bereichen – gerade auch im Bildungsbereich – Reformen anstoßen. Tunesien setzt sehr stark auf Berufe im IT- und Umweltbereich. Letzterer wird wegen stärker auftretender Dürreperioden, Erosion und der Luftverschmutzung im Lande immer wichtiger.Gleichzeitig gibt es in Tunesien ein anderes Problem: die große Zahl von Flüchtlingen aus
Libyen. Momentan versucht man dort, mit Anregungen aus Deutschland ein eigenes Asylsystem
aufzubauen.


Wie kann Deutschland gerade auch die Maghreb-Länder unterstützen?
Deutschland unterstützt Tunesien im Bereich der beruflichen Bildung, was ich für sehr wichtig erachte. Es gibt viele Studenten aus den Maghreb-Staaten, die lieber zu uns als in die USA gehen möchten, aber
nicht um auszuwandern, sondern um später in ihrem Land etwas voranzubringen. Außerdem helfen wir auch beim Aufbau der Verwaltung, wenn es um Rechtssicherheit und Demokratisierung geht. Ich glaube,
wir sind dort als Kooperationspartner beliebt, weil wir fragen, was die Leute brauchen und möchten und nicht einfach mit fertigen Konzepten kommen.

Das Gespräch führte Annette Sach.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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