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Parlamentarisches Profil
Götz Hausding
Die Alevitin: Ekin Deligöz

Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Tragen des Kopftuches an deutschen Schulen findet Ekin Deligöz „herausfordernd“. Lehrerinnen, so das Gericht, dürften an staatlichen Schulen grundsätzlich aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen. Ein pauschales Verbot sei rechtswidrig. „Das ist kein Ja und auch kein Nein. Es macht die Debatte zu dem, was es ist: nicht zu einer juristischen, sondern zu einer gesellschaftlichen Frage“, sagt die Grünen-Abgeordnete. In der Kopftuchfrage hat sich Ekin Deligöz schon 2006 nicht nur Freunde gemacht, als sie via „Bild“-Zeitung an muslimische Frauen appellierte, das Kopftuch als „Symbol der Frauenunterdrückung“ abzulegen. Heute sagt sie: „Ich wäre in der Frage gern sehr locker. Schließlich ist es ja eigentlich nicht wichtig, was eine Lehrerin auf dem Kopf trägt.“ Aber dass die Islamverbände das Urteil bejubeln, mache sie stutzig. „Mir fehlt im Moment das Vertrauen in die Verbände“, sagt sie. Als Beleg führt sie eine Begebenheit aus ihrem Wahlkreis Neu-Ulm an. „Mitten in Bayern“, so Deligöz, „haben Schüler antisemitische Parolen von sich gegeben.“ Dies habe eine Lehrerin öffentlich gemacht. „Der örtliche Islam-Verein hatte aber nichts Besseres zu tun, als die Lehrerin dafür zu kritisieren, statt klarzustellen: Hier haben wir ein ernstes Problem, das wir nur gemeinsam angehen können.“

Integration sei schließlich keine Einbahnstraße. „Wir erwarten vom deutschen Staat zu Recht, dass er sich darauf einlässt, dass Muslime ein Teil der Gesellschaft sind. Dafür arbeite auch ich sehr hart“, betont sie. „Dann erwarte ich aber, dass sich auch die Migranten darauf einlassen“, setzt sie hinzu. Viele Migranten machten diesen Schritt. „Ich erwarte das aber auch von den muslimischen Verbänden“, stellt sie klar.

Bei aller Kritik an Islamverbänden und Lehrerinnen mit Kopftüchern: Eines möchte Ekin Deligöz auf gar keinen Fall: Mit Islamkritikern wie Sarrazin oder Pegida „in einen Topf gepackt und in die Ecke gedrängt werden, nur weil ich Probleme benenne“. Viel lieber würde sie ihre Zeit dafür aufwenden, auf die Verbände zuzugehen. „Stattdessen muss ich mich mit dem stumpfen Nationalismus von Pegida auseinandersetzen.“ Aber auch „leider viel zu oft“ den Islam als Glaubensrichtung verteidigen. Nicht zuletzt angesichts der Gräueltaten der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS). „Die reden nicht im Namen meines Islams und auch nicht im Namen der meisten Muslime“, macht sie deutlich. Gewalt lasse sich weder kulturell noch religiös rechtfertigen, sagt sie.

Deligöz selbst ist Alevitin und gehört damit einer liberalen Richtung innerhalb des Islams an. Als sie 1979 als Achtjährige nach Deutschland kam, galten Türken als Gastarbeiter, deren Integration nicht gewünscht war. „Ich kam in eine türkische Schule mit türkischen Lehrern. Angesichts von nur zwei Deutschstunden pro Woche war es gar nicht gewollt, dass wir die Sprache lernen. Wir waren Gäste und sollten gefälligst auch wieder zurückgehen“, blickt die Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin zurück.

An der „Türkenschule“ habe es sogar eine räumliche Trennung von den deutschen Schülern gegeben. „Zwischen den Pausenbereichen stand ein Zaun“, erinnert sie sich und fordert, die Fehler von damals nicht zu wiederholen. Eine Heimat hätten die Migranten in ihrem Herkunftsland nämlich längst nicht mehr. Wenn sie diese auch in Deutschland nicht finden, sei der Zuspruch zu islamischen Vereinen wenig verwunderlich.

Bildung ist aus Sicht von Ekin Deligöz, die seit 1998 im Bundestag sitzt und derzeit dem Haushaltsausschuss angehört, lange Jahre aber auch Bildungs- und Familienpolitik gemacht hat, der Schlüssel zu allem. „Es ist der einzige Weg für die Migranten, den Aufstieg zu schaffen.“ Gerade in die schlechten Schulen müsse daher viel investiert werden, „damit sie zu guten Schulen werden“. Hinderlich dabei ist aus ihrer Sicht das Kooperationsverbot. „Ein Land, das so auf den Fachkräftemangel hinsteuert, kann sich eigentlich so eine Kleinstaaterei nicht leisten“, findet sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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