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MITTELALTER
Michael Borgolte
Doppelter Geburtshelfer

Der Islam gehört zur Geschichte Europas und hat dessen Kultur tiefgreifende Impulse verliehen

Als Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus die bewohnten Teile der Erde beschreiben wollte, verzweifelte er an seinen geringen Kenntnissen über Europa, den dritten der Kontinente. Aus der Perspektive eines Griechen gesehen, blieb ihm vor allem der europäische Westen unbestimmt, man wisse nicht einmal, ob die Landmasse im Osten oder Norden vom Wasser umflossen sei. Rund zweitausend Jahre später berichtete ein anderer Grieche von einer Reise durch die nordischen Länder und beschrieb Preußen und Norwegen, Schweden, Livland, das Slawenland mit Lübeck, Dänemark, Island und England. Tatsächlich hatte es fast genau diesen langen Zeitraum gedauert, dass Europa im Ganzen entdeckt und durchdrungen war, eine Leistung vor allem des Mittelalters. Entscheidend war, dass sich von Süden nach Norden die Kirche und nach dem Vorbild Kaiser Konstantins des Großen das christliche Königtum verbreitet hatte.

Die Konzentration Europas auf sich selbst hatten freilich fremde Eroberer erzwungen, Muslime, die schon seit den ersten Jahrzehnten nach dem Tod des Propheten die Einheit der Mittelmeerwelt zerstörten und sich, abgesehen von Nordafrika und Kleinasien, auch in Spanien (seit 711), Sizilien (902) und an der Wolga (um 921) festsetzten. Als sie in späteren Jahrhunderten wieder vertrieben waren, hatten andere ihrer Glaubensbrüder im Osten, besonders auf dem Balkan, neue Herrschaften errichtet und vor allem das Kaiserreich von Byzanz ausgelöscht. Der Islam gehörte also seit seinen Anfängen stets zur Geschichte Europas und hat, ohne ins Herz des Kontinents vorzustoßen, dessen Kultur tiefgreifende Impulse verliehen.

Ohne den Ausgriff der Araber auch im Osten nach Asien hinein wäre dies freilich unmöglich gewesen. Mit dem „islamischen Reich“ war eine riesige Zone für die Verbreitung von Gütern, Ideen und Techniken entstanden, die von China und Indien bis nach England reichte. Die Begegnung von Völkern, Kulturen und Religionen, nicht zuletzt des Islams mit Christentum und Judentum, haben Innovationen und Erfindungen von höchst nachhaltiger Wirkung angeregt.

Agrarische Gesellschaften profitieren dabei zunächst durch Verbreitung neuer Kulturpflanzen. So haben die Araber dem Westen aus Indien Reis, Zuckerrohr, Zitrusfrüchte und Baumwolle, aus Persien Auberginen und Artischocken, wohl auch den Spinat, vermittelt. Was in Monsungebieten üppig gedeiht, muss anderswo künstlich bewässert werden, so dass die neuen Pflanzen auch zur technologischen Übernahme beitrugen. Im muslimischen Spanien setzte sich die syrische Irrigation so erfolgreich durch, dass man geradezu von einer „Schöpfradrevolution“ spricht. Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität verschaffte Handel und Städtewesen Aufschwung und Wohlstand.

Verbreitung des Papiers Viel einschneidender noch als die Bereicherung des Speisezettels war die Verbreitung des Papiers, das wiederum die Araber durch ihre kriegerischen Begegnungen mit den Chinesen im 7. Jahrhundert kennengelernt und im Kalifat von Bagdad auf Kosten des Papyrus eingeführt hatten. In Europa verdrängte es das Pergament, das für eine Massenproduktion von Schriftgut viel zu teuer war.

Zusammen mit den Pflanzen und den Technologien hatte die Araber selbst aus Asien ein Strom wissenschaftlicher Literatur erreicht. Chinesische Werke waren zwar nicht darunter, dafür aber die reiche Überlieferung Indiens und Persiens, während die Eroberung byzantinischer Städte und Klöster den Muslimen auch Zugang zur antiken Naturwissenschaft und Philosophie der Griechen verschaffte. Angereichert durch die Kommentare und Ergänzungen der Araber floss das gelehrte Wissen aus dem Orient bis zum hohen Mittelalter auch Unteritalien und Spanien zu, wo es adaptiert und weiter bearbeitet wurde. Im Osten wie im Westen entstanden regelrechte Übersetzerkreise, die die ursprünglich fremdsprachigen Abhandlungen den neuen Lesern im Arabischen, Kastilischen/Katalanischen und Lateinischen besser zugänglich machten. In Bagdad rezipierten muslimische Gelehrte beispielsweise im frühen 9. Jahrhundert die indische Mathematik einschließlich der indischen – später arabisch genannten – Zahlen. In der Philosophie waren sie so gründlich, dass sie im 10. Jahrhundert den ganzen Aristoteles übersetzten und von Platon einige Dialoge in arabischer Sprache hatten. Von den Medizinern Hippokrates und Galen erstrebten sie erschöpfende Textcorpora in ihrer eigenen Sprache, in den Naturwissenschaften schätzten sie Euklid, Archimedes und Ptolemaios. Wiederum ging die Aneignung antiker Texte mit der Abfassung eigener Traktate einher.

Mobile Gelehrte Spätestens in der Mitte des 11. Jahrhunderts ging das „goldene Zeitalter“ der islamischen Kultur in Bagdad zu Ende. Zur gleichen Zeit hatten die von Arabern übersetzten, kommentierten und selbstständig fortentwickelten Lehren griechischer und fernöstlicher Gelehrsamkeit das Interesse der westeuropäischen Gelehrten geweckt. Im muslimischen Spanien bildeten die Fremdgläubigen Schulen aus, die sich auf bestimmte Fächer oder Gebiete konzentrierten. (siehe auch Beitrag unten) Im Allgemeinen betätigten sich die Gelehrten zugleich als Philosophen, Theologen, Naturwissenschaftler und sogar Poeten. Unerfüllter Erkenntnistrieb machte sie auch mobil, so dass sie „aus Liebe zur Wissenschaft“ in den Orient reisten und dabei bis zum mongolischen Observatorium in Aserbaidschan vorstießen. Andererseits verbreitete sich der Ruhm der arabischen Wissenschaften in Spanien bis nach England. Junge Schüler zogen beispielsweise, um „die Studien der Araber zu durchdringen“, nach Südeuropa und von dort weiter bis nach Antiochien in Syrien. So kamen sie mit der modernen Mathematik in Berührung, übersetzten erstmals die „Elemente“ des antiken Euklid vollständig vom Arabischen ins Lateinische oder verfassten eigene Abhandlungen wie zum Beispiel über die mathematisch-astronomischen Geräte Abakus und Astrolab.

So wenig über den Lebensweg der Wissbegierigen meistens bekannt ist, lässt sich erkennen, dass sie im Übrigen aus vielen Ländern des westlichen Europas kamen, darunter wohl auch aus dem römisch-deutschen Reich. Ähnlich wie in Spanien förderten auch in Sizilien christliche Herren, wie der Normanne Roger II. oder der Staufer Friedrich II., die Wissenschaft. Pilger nach Santiago de Compostela oder nach Rom und sonstige Reisende verbreiteten den Ruhm der neuen Wissenschaft und die Kenntnis der latinisierten Schriften der Griechen und Araber im ganzen Westen. Besonders in den französischen Kathedralschulen, die ihrerseits Studierende auch aus Deutschland anzogen, blühte die Gelehrsamkeit auf. In Chartres beispielsweise konnten die lateinischen Dichter und Schriftsteller der Antike ebenso studiert werden wie die griechisch-römischen Philosophen und Naturwissenschaftler.

Die verschlossene Universität Nicht zuletzt erregten aber die muslimischen Autoren selbst Aufmerksamkeit, denn die Araber galten als „die Philosophen“ schlechthin. Avicenna, Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom und Alchemist aus Persien, stand als Autorität neben Aristoteles. Indem sie den Lateinern eine völlig neue Grundlage der Wissenschaft zugänglich machten, wurden die Araber nach ihren militärischen Eroberungen auf wissenschaftlichem Gebiet im hohen Mittelalter zum zweiten Mal zu Geburtshelfern Europas. Der Ort, an dem die Wissenschaft jetzt zur Entfaltung kommen sollte, war freilich eine rein lateinische Einrichtung: die Universität. Ob in Paris, Bologna oder in Oxford, wurden hier jedoch Muslime und Juden fast vollständig ausgeschlossen. Das gemeinsame Bemühen von Angehörigen dreier Religionen um das rechte Verständnis der alten griechischen und neuen arabischen Texte im 12. oder auch im 13. Jahrhundert hatte keine transkulturelle Arbeitsform von Dauer begründet.

Der Autor ist Professor für die Geschichte des Mittelalters an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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