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GESCHICHTE
Wolfgang Günter Lerch
Spuren islamischer Herrschaft zeigen sich noch heute

Jahrhunderte muslimischer Vergangenheit prägten die iberische Halbinsel ebenso wie den Balkan

Die Geschichte des Islam in Europa ist mit Spanien, arabisch Al-Andalus, und dem Osmanischen Reich verknüpft. Die Iberische Halbinsel war acht Jahrhunderte lang fast ganz oder in Teilen „maurisch“, bevor die christliche Reconquista 1492 mit dem Sieg der beiden katholischen Majestäten Ferdinand und Isabella über Boabdil, den letzten Herrscher Granadas, vollendet wurde; und die türkischen Sultane herrschten fast 600 Jahre lang, bis 1912, über den größten Teil der Balkanhalbinsel. Bis heute zeigt Spanien architektonische und kulturelle Spuren dieser muslimischen Vergangenheit, bis hinein in die Sprache, Mentalität und Denkweise der Bevölkerung. Ähnliches gilt für die Völker des Balkans, die zum großen Teil christlichen Konfessionen angehören.

Man versteht, dass die Muslime diese Epochen in der Rückschau anders bewerten als ihre vormals christlichen „Untertanen“. Während die Balkanvölker diese Epoche bis heute als „Türkenjoch“ (Turkokratia) verdammen, weisen die Türken auf das hohe Maß an Selbständigkeit hin, das der osmanische Staat den christlichen und jüdischen Untertanen gewährte. In Spanien galt es lange Zeit als ausgemacht, dass die moderne Nation sich im Widerstand gegen die muslimische Herrschaft herausgebildet habe; diese Theorie vertrat vor allem der Historiker Sanchez-Albornoz. Heute ist das Urteil differenzierter: Nicht zuletzt dank den Arbeiten von Americo Castro sieht man jetzt Spanien als eine Synthese iberisch-christlicher und muslimischer Elemente, die hier und da auch zu Bewunderung Anlass gibt, insbesondere in Andalusien, dem südlichsten Landesteil, der am längsten von den „Moros“ geprägt wurde.

Die Frage, wie tolerant der Islam in Spanien und im Osmanischen Reich war, ist nur differenziert zu beantworten. Das islamische Recht sieht in Juden und Christen verwandte Monotheisten und bezeichnet sie als „Leute des Buches“ (ahl al-kitab), das heißt Besitzer einer heiligen Schrift. Judentum und Christentum gelten als Vorläuferreligionen des Islams, ihre Anhänger als „Schutzbefohlene“ (ahl al-dhimma). Gegen Zahlung einer Kopfsteuer waren sie vom Kriegsdienst befreit und konnten ihren Ritus pflegen, ihre religiösen Oberhäupter bestimmen und viele rechtliche Angelegenheiten selbst regeln. Dennoch waren sie nie mit den Muslimen gleichberechtigt, da sie einer Reihe von Nachteilen und diskriminierenden Bestimmungen in der Öffentlichkeit unterworfen blieben.

Insbesondere unter der glanzvollen Herrschaft der Omajjaden im 9. und 10. Jahrhundert kam es in Andalus zu jener „Convivencia“ der drei Buchreligionen, die manchen bis heute Bewunderung abnötigt. Jüdische und christliche Gelehrte oder Dichter wetteiferten mit Muslimen, die arabische Sprache war ihr gemeinsames Verständigungsmittel. Ideal freilich waren die Verhältnisse zu keiner Zeit. Nach 1031, als die zentrale Macht in Kleinfürstentümer zersplitterte, kam es zu Pogromen, und auch unter den späten andalusischen Dynastien, die dem Druck der Reconquista ausgesetzt waren, beendete der Fundamentalismus etwa der Almohaden die convivencia. So musste der jüdische Philosoph Maimonides, geboren zu Córdoba, Spanien verlassen; er ging nach Ägypten.

Im Osmanischen Reich wurde das System der Schutzbefohlenen perfektioniert. Das sogenannte Millet-System gestand den religiösen Minderheitwen eine recht große Autonomie zu; sie konnte so weit gehen wie im Fall der Phanarioten, der Griechen aus dem Istanbuler Phanar-Viertel, die im Namen des Sultans die Donaufürstentümer verwalteten. In der Meritokratie dieses Staates konnten fähige Leute aller Ethnien alles werden, sofern sie zum Islam übertraten. Doch auch wenn sie bei ihrem Glauben blieben, war ihr Leben in der Regel leichter als etwa das der Juden im christlichen Europa. So spricht es Bände, dass die Juden nach dem Fall Granadas nicht in das christlich beherrschte Spanien übersiedelten, sondern in das Osmanische Reich. Dort konnten sie blühende Gemeinden bilden, etwa in Saloniki. Vor allem christliche Armenier und Griechen bildeten das wirtschaftliche Rückgrat des Imperiums, während Muslime die Geistlichen, Soldaten und Beamten stellten. Als das riesige Reich schwächelte, als die „orientalische Frage“ nach dem erfolgreichen Aufstand der Griechen (1821-1830) immer drängender wurde und die westlichen Mächte das Reich in die Zange nahmen, gerieten die Minderheiten stärker unter Druck, kam es zu Katastrophen. In diesem Jahr jähren sich die Massaker des jungtürkischen Regimes an den Armeniern zum 100. Mal.

Muslime leben auch heute auf dem Balkan. Während in Bosnien-Herzegowina ein durchaus selbstbewusster „Euro-Islam“ im Aufwind ist, sind die albanischen Muslime in Albanien, im Kosovo oder in Mazedonien eher lax in ihrer religiösen Ausrichtung. Auch die bulgarischen Muslime und die türkische Minderheit im griechischen Thrakien sind Relikte der osmanischen Geschichte.

Der Autor lebt als freier Journalist und Orientalist in Neu-Isenburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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