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SYRIEN
Birgit Svensson
Region in Flammen

Das Land ist, wie auch Teile des Iraks, zum Feld eines Großkonflikts in der islamischen Welt geworden. Verschiedene Akteure verfolgen ganz eigene Ziele

Bei allen Unterschieden haben Syrien und Irak derzeit eines gemeinsam: Sie beherbergen das Kalifat, den vom „Islamischen Staat“ (IS) begründeten islamischen Gottesstaat. Er dehnt sich trotz Rückschlägen weiterhin im Nordosten Syriens und Nordwesten Iraks auf einer Fläche von Großbritannien aus. Auch zehn Monate nach dessen Ausrufung ist das Projekt längst nicht am Ende. Verliert die Terrormiliz an Boden im Irak, gewinnt sie in Syrien dazu und umgekehrt. Längst sind ihre Bewegungen nicht mehr nur auf das Kernland Syrien und Irak beschränkt. Inzwischen gibt es Provinzen in Libyen und auf dem Sinai in Ägypten. Es reicht aus, dass eine Dschihadistengruppe Abu Bakr al-Bagdadi die Treue schwört und dieser Schwur offiziell vom selbst ernannten Kalifen angenommen wird, um fortan dazu zu gehören. Jüngster Zugang ist Boko Haram aus Nigeria, rund 4.000 Kilometer vom IS in Syrien und Irak entfernt. Der islamistische Dschihadistenstaat greift damit nicht mehr nur über Ländergrenzen hinweg, sondern auch über Kontinente. Die Umbenennung von ISIS – Islamischer Staat in Irak und Syrien – in nur mehr IS – Islamischer Staat – bekommt so einen Sinn.

Landesweite Proteste Für Syrien-Analysten begann alles in Deraa, der Grenzstadt zu Jordanien, wo sich in den ersten Apriltagen 2011 eine Menschenmenge durch die schmalen Straßen der Altstadt schob. Am Anfang des Zuges wurde ein Holzsarg von fünf oder sechs Männern zum Friedhof getragen. Schon mehr als 100 Tote wurden so zu ihrer letzten Ruhestätte geleitet. Die Zahl der Trauernden wuchs von Mal zu Mal, und ihre Forderungen wurden von Mal zu Mal schärfer. Trauerzüge gerieten zu Protestdemonstrationen, die zumeist gewaltvoll endeten. „Das Blut der Märtyrer ist nicht umsonst geflossen“, sagte mir die Hausfrau Reem damals, als sie zur Demonstration auf die Straßen von Deraa ging. „Jeder Tote überzeugt uns nur noch mehr, unsere Rechte einzufordern“. Die Regierung müsse erkennen, dass sie die Protestbewegung nicht mit Waffengewalt zum Schweigen bringe. Doch diese Erkenntnis fehlt bis heute. Inzwischen sind über 200.000 Syrer der Gewalt in Syrien zum Opfer gefallen.

Reem war von Anfang an dabei, als der Aufstand in Deraa vor vier Jahren begann. Wie viele andere Einwohner der 75.000 Einwohner zählenden, landwirtschaftlich geprägten Stadt, konnte sie nicht zu Hause bleiben, als die Jungen auf die Straße gingen und mehr Rechte, Jobs und eine bessere Wasserversorgung einforderten. „Meine Söhne waren dabei“, nannte sie als Grund, „da konnte ich als Mutter doch nicht schweigen.“ Natürlich seien sie angesteckt worden durch die Proteste in Tunesien, Ägypten und anderswo in der arabischen Welt. Der Erfolg der Ägypter, den seit fast 30 Jahren regierenden Muhammad Husni Mubarak loszuwerden, habe auch die Syrer darin bestärkt, längst fällige Reformen anzumahnen.

Schnell weiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus. In Homs, Banias, Jabla, Aleppo, Lattakia, Douma und auch in Damaskus gingen die Menschen auf die Straße und forderten mehr Freiheit und bürgerliche Rechte ein. Syriens Präsident Baschar al-Assad konterte mit Scharfschützen, Panzern, Boden-Luft-Raketen, Kampfjets, Chemiewaffen und Fassbomben. Die Revolution militarisierte und radikalisierte sich. Ausländische Akteure mischten sich ein – erst Iran, die libanesische Hisbollah und Russland auf Regimeseite, dann Katar, Saudi-Arabien und die Türkei auf Oppositionsseite. Angelockt vom Staatszerfall kamen zudem ab 2012 Terrorgruppen ins Land. Inzwischen spielt die Freie Syrische Armee, einst Hoffnungsträger für einen Wandel, kaum noch eine Rolle. Heute sind IS und Al-Nusra-Front die mächtigsten unter den Assad-Gegnern.

Reem und ihre Familie sind nach Jordanien geflohen, leben in einem Flüchtlingslager in Deraas Schwesterstadt Ramtha und sehen verzweifelt zu, wie ihr Land immer weiter auseinanderfällt. Das hätten sie nicht gewollt, sagt die 43-jährige Syrerin reumütig. Doch Assad habe die Radikalität provoziert, die Wölfe angelockt. Er habe alle als Terroristen bezeichnet, auch sie, die nur friedlich demonstrierten.

Vakuum im Irak Für Irak-Analysten begann das Desaster im Mittleren Osten mit der Invasion der Amerikaner im Frühjahr 2003. Hätten die nicht die Sicherheitskräfte aufgelöst und ein riesiges Vakuum geschaffen, wäre es nicht soweit gekommen, meint Salam al-Abadi, Professor für Soziologie an der Bagdad Universität. „Der Irak nimmt eine Schlüsselrolle ein in der Entwicklung der gesamten Region.“ Ohne die Fehler der US-Administration wäre dem Iran nicht die Tür geöffnet worden und Al-Qaida hätte kaum Fuß fassen können.

Statt den irakischen Widerstand in den politischen Prozess zu integrieren, wurden ehemalige Offiziere der irakischen Armee, Führungskader unter Saddam Hussein und Baath-Parteimitglieder als Verbrecher behandelt, bedroht, verhaftet, außer Landes getrieben, getötet. Diejenigen, die übrig blieben, trieb es in die Arme der internationalen Terrororganisation. „Al-Qaida Plus“ nennt Abadi den IS. Der Kern der Terrormiliz stamme aus jener Zeit, als der Bürgerkrieg in Bagdad tobte – 2006/07 und 2008. Der Soziologe sieht die Motivation der IS-Kämpfer daher auch nicht nur ideologisch. „Ideologie alleine reicht nicht.“ Vielmehr habe man es hier mit einer Radikalität zu tun, die mit den Jahren gewachsen sei.

Anfang 2012 erklärte die Organisation im Internet: „Viele Syrer haben Seite an Seite mit dem Islamischen Staat des Irak gekämpft, und es sind gute Neuigkeiten, dass irakische Kämpfer angekommen sind, um mit ihren Brüdern in Syrien zu kämpfen.“ Die Gruppe empfahl den syrischen Rebellen, dieselben improvisierten Sprengsätze am Straßenrand zu verwenden, die sich im Irak-Krieg als äußerst tödlich erwiesen haben. Kämpften einst syrische Sunniten im Irak gegen die amerikanischen Besatzer und die mit ihnen verbundene schiitisch dominierte Regierung, revanchierten sich nun die Glaubensbrüder im Kampf gegen Assad. Der Machtkampf auf dem Rücken der Religion setzt sich auch in diesem Fall über die Grenzen hinweg fort.

Umstrittene Grenzen Im Ort Rabia an der syrisch-irakischen Grenze spielt sich seit Jahren ab, was sich zu großer Politik in der Region ausgewachsen hat. In den vergangenen Monaten ging die Kontrolle über den Grenzübergang in der irakischen Provinz Nineve beständig hin und her. Mal kontrollierte IS, mal die irakische Armee, jetzt die kurdischen Peschmerga. Doch wichtiger als der Grenzübergang selbst, sind die Felder und Wiesen links und rechts – die so genannte Grüne Grenze. Schon immer wurde hier geschmuggelt: Zigaretten, Alkohol, Luxusgüter, Technologie. Alles, was im Irak wegen des Embargos in den 1990er-Jahren nicht zu haben war, wurde hier verschoben. Auch Menschen gingen hin und her.

Die Stammesgesellschaften Syriens und Iraks haben das von Großbritannien und Frankreich 1916 geschlossene Sykes-Picot-Abkommen mit den willkürlich gezogenen Grenzen nie akzeptiert. Mitglieder einer der größten Stämme im Irak – Schammar – leben auch in Syrien und Jordanien. Handel und Wandel über die Grenzen hinweg blieb Tradition. Als die Zentralregierungen in Bagdad und Damaskus immer schwächer wurden, verstärkte sich das Treiben an den Nahtstellen der beiden Länder umso mehr.

Als die US-Soldaten Ende 2011 aus dem Irak abzogen, wurden in Rabia nicht mehr nur Zigaretten und Alkohol geschmuggelt, sondern Kalaschnikows, Panzerabwehrraketen, Sturmgewehre, Molotow-Cocktails und jede Menge Sprengstoff. Mit Dollars aus Saudi-Arabien und Katar deckten sich sunnitische Kämpfer mit militärischem Gerät ein, die Schiiten bekamen Rial aus Teheran. Selbst in der mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinz Anbar, nordwestlich von Bagdad, fand man iranisches Geld bei toten Kämpfern. Ein Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Saudi-Arabien um die Vormachtstellung in der Region war längst entbrannt, auch wenn er während der Anwesenheit der Amerikaner im Irak nicht voll zum Ausbruch kam.

Hinter vorgehaltener Hand bestätigen indes amerikanische Militärs, dass von Anfang an auch mit saudischem Geld Waffen gekauft wurden, die dann Amerikaner töteten. Offen zugegeben wurde dies nicht. Die Saudis gelten als Verbündete Washingtons und des Westens.

So ist das nächste Schlachtfeld bereits eröffnet. Derzeit bahnt sich im Jemen die nächste Katastrophe an. Angeblich sollen die schiitischen Huthi-Rebellen, die derzeit auf dem Vormarsch sind, von Iran unterstützt werden. Damit rechtfertigt Saudi-Arabien die arabische Allianz aus ausschließlich sunnitischen Ländern, die Luftangriffe auf Aden und Sanaa fliegt. Der Mittlere Osten steht in Flammen – ganz so wie es der syrische Diktator Assad vor vier Jahren prophezeit hat.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin im Irak.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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