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ISLAMISMUS
Johanna Metz
Globalisierung des Terrors

Wie der Westen zu einem der Brennpunkte des »Heiligen Krieges« wurde

Spätestens seit dem 11. September 2001 hat der Begriff Islamismus Hochkonjunktur. Die vom Terrornetzwerk Al-Qaida verübten Anschläge in den USA mit fast 3.000 Toten haben das Bild von fanatischen Muslimen geprägt, die ihre Vorstellung vom „wahren Islam“ gewaltsam in die Welt tragen. Dieses Bild greift zwar zu kurz, weil längst nicht alle Islamisten gewaltbereit sind. Tatsache ist aber, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten viele islamistische Organisationen und Netzwerke entstanden sind, die ihre Ziele auf dem Wege des Terrors durchzusetzen versuchen (siehe Text „Islamistische Gruppen“). Die meisten sind, wie Boko Haram, ausschließlich in ihren Heimatländern aktiv, nur sehr wenige operieren wie Al-Qaida weit über Landesgrenzen hinaus.

Auch ideologisch unterscheiden sich Islamisten in den verschiedenen Ländern der Welt stark voneinander. Was sie im Kern eint, ist das Streben nach einem islamischen Staat. Nationalität ist darin unbedeutend, stattdessen soll die Religion, der Islam, das individuelle, gesellschaftliche und politische Leben vollends bestimmen.

Die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft (siehe Text unten) war die erste große Bewegung, die das offen propagierte. Etwas später folgte in einem anderen Teil der Erde der indisch-pakistanische Journalist Sayyid Abul Ala Maududi (1903-1979), auf dessen Schriften sich bis heute viele Islamisten berufen. Die 1941 von ihm gegründete Partei „Jamaat-e-Islami“ entwickelte sich zur einflussreichsten religiösen, anti-laizistischen Partei Pakistans.

Maududi forderte die Muslime nicht nur zum „Heiligen Krieg“ (siehe Seite 11) auf („Entfernt die Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben, aus ihren Führungspositionen und errichtet das Kalifat.“). Er nahm auch Gewalt zur Erreichung dieses Ziels in Kauf: „Was bedeutet der Verlust einiger Menschenleben (...) gegenüber dem Unheil, das die Menschheit befallen würde, wenn das Böse über das Gute und der aggressive Atheismus über die Religion Gottes den Sieg davontragen würde?“

Mit dem Westen hatte dieser Heilige Krieg nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch noch nichts zu tun. Zunächst richtete sich die Gewalt radikaler Islamisten gegen die einheimischen, vorwiegend säkularistischen Regime. „Zentrales Anliegen der verschiedenen islamistischen Organisationen, wie sie sich nach der Gründung der Muslimbruderschaft auch außerhalb Ägyptens herausgebildet haben“, urteilt der Jenaer Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker, „war die Wiederherstellung des ‚richtigen‘ Islams innerhalb der islamischen Welt.“ Angriffe auf politische Eliten, wie die Ermordung des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat 1981, seien islamrechtlich damit begründet worden, dass es sich bei ihnen nur nominell um Muslime handele, sie tatsächlich aber als Ungläubige anzusehen seien.

Zunehmend bedeutsam wurde aber auch die Abwehr von politischer, ökonomischer und kultureller Beherrschung durch den Westen. So kam es in verschiedenen islamischen Ländern zu Angriffen gegen westliche militärische Einrichtungen und Botschaften, etwa während des libanesischen Bürgerkrieges. Der Anschlag auf einen US-Stützpunkt 1983 in Beirut forderte beispielsweise mehrere hundert Todesopfer und führte zum Abzug der multinationalen Streitkräfte .

Doch erst mit Beginn der 1990er Jahre erreichte der islamistische Terror, genauer gesagt der Terror von Al-Qaida, den Westen. Ab 1993 plante und verübte die Organisation in den USA zahlreiche Anschläge. Mit dem (weitgehend gescheiterten) Bombenangriff auf das World Trade Center 1993 in New York attackierten die Islamisten erstmals ein Symbol westlicher wirtschaftlicher Hegemonie. „Der Islamismus“, erklärt Islamexperte Seidensticker, „wurde für die radikalen Strömungen in dieser Zeit zu einer militanten Ideologie, die sich auf ein Narrativ von den Muslimen als Opfer einer Verschwörung von ‚Kreuzzüglern und Zionisten‘ stützt.“

Eine Entwicklung, die von verschiedenen Motoren vorangetrieben wurde, allen voran der sowjetischen Besatzung in Afghanistan (1979-1989) und der Stationierung von US-Truppen in Saudi-Arabien. Ab 2003 beförderte die Invasion US-amerikanischer und britischer Truppen in den Irak zudem das Entstehen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

Besonders Afghanistan erweist sich im Rückblick als bedeutende Brutstätte des globalen islamistischen Terrors. Denn dorthin strömten ab 1979 tausende Freiwillige („Mudschahedin“) aus verschiedenen islamischen Ländern, um gegen die sowjetischen, „ungläubigen“ Invasoren zu kämpfen – großzügig unterstützt von den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und Pakistan. Das erwies sich später als Bumerang. Denn viele dieser Mudschahedin schlossen sich Ende der 1980er Jahre zusammen, um den „Heiligen Krieg“ auch außerhalb Afghanistans fortzusetzen. Angeführt von dem in Saudi-Arabien geborenen, späteren Top-Terroristen Osama bin Laden entstand Al-Qaida – und die Gruppe attackierte bald auch den Erzfeind USA: Durch Terroranschläge sollten sie zum Rückzug aus Saudi-Arabien sowie zum Ende der Finanzhilfen für Ägypten gebracht werden. Außerdem wollten die Islamisten die Amerikaner als Schutzmacht Israels treffen.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schlossen sich auch viele europäische Länder dem US-geführten „Krieg gegen den Terror“ an. In der Folge nahm die islamistische Gewalt auch in Europa zu. Allein bei den Anschlägen von Madrid (2004) und London (2005) starben 247 Menschen. In beiden Fällen hatten die Terroristen – viele von ihnen pakistanischer Herkunft – gar keine Verbindungen zu Al-Qaida. Sie handelten autonom, angestachelt aber von den zahlreichen Videobotschaften der Terrororganisation. Muslime in aller Welt werden darin aufgefordert, Ungläubige und Feinde des Islams zu töten und die Ehre des Propheten Mohammed zu verteidigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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