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ÄGYPTEN
Petra Ramsauer
»Es ist sehr schwierig, eine Idee zu töten«

Die Muslimbruderschaft zählt weltweit zur größten Bewegung des politischen Islams. Ihr wahrer Charakter ist nach wie vor undurchschaubar

Ihr robustes Fundament ist ein fast unsichtbares, feinmaschiges Netz mit Knotenpunkten in 78 Ländern, das Millionen von Mitgliedern zusammenhält. Undurchschaubar ist es wie auch der „wahre“ Charakter der Muslimbruderschaft. Die tunesische Ennahda-Partei hat hier ebenso ihre Wurzeln wie die palästinensische Terrororganisation Hamas; so weit ist ihre ideologische Bandbreite. Möglichst wenig Preis geben, das ist das Leitmotiv der Mutterbewegung, der Muslimbruderschaft in Ägypten. Sprecher Gehad Haddad: „Unsere Organisation wurde über achtzig Jahre lang im Schatten von Unterdrückung und Verfolgung aufgebaut“, erklärt Haddad. „Im Geheimen fühlen wir uns wohl.“

Er sagte dies im Spätsommer 2013, im Moment der schwersten Krise der Bewegung. Am 3. Juli 2013 entfernte der damalige Oberbefehlshaber der ägyptischen Armee, Abdul Fatah as-Sisi, den von der Muslimbruderschaft gestellten Präsidenten Mohammed Mursi aus dem Amt. Mit Mursi wurde der gesamte Führungskader sowie zehntausende Gefolgsleute inhaftiert. Nach 18 Monaten an den Machthebeln Ägyptens wurde die Gruppe damit in den Aggregatzustand ihrer Entstehung im März 1928 zurück katapultiert: Als geheime Bewegung, als Staat im Staat.

Gegründet wurde sie durch den Volksschullehrer Hassan al-Banna. Mit sechs Tagelöhnern bildete er die erste Zelle der Bruderschaft. Ihr Logo ist seit jeher ihr Programm: Zwei gekreuzte Schwerter, grüner Hintergrund, eine symbolische Darstellung des Korans ergänzt mit dem Slogan: „Islam ist die Lösung.“ Die Bruderschaft verstand sich als Emanzipationsbewegung gegen die Übermacht des „Westens“, basierend auf Re-Islamisierungstheorien des 19. Jahrhunderts. Al-Bannas Plan: Nach dem Ende des Osmanischen Kalifats, 1924, sollte die Bruderschaft dafür sorgen, dass ein „gemeinsamer Staat aller Muslime“, aufgebaut wird. Der Weg dorthin sollte über die „Erziehung“ der Gemeinschaft führen. Die Mitglieder der Bruderschaft sollten als „perfekte“ Muslime, die sich für das Gemeinwohl engagieren, für die Idee werben und so nach und nach die Gesellschaft revolutionieren. Der Gedanke der globalen Wirkung ist untrennbar mit dem Wesen der Bruderschaft verbunden. So fasste sie nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den USA, in Europa, in Österreich, Deutschland und vor allem in Großbritannien Fuß. Abdel al-Galil al-Scharnubi, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Muslimbruderschaft zuständig war, bevor er die Bewegung 2012 verließ, betont: „Die Ableger im Ausland sind wichtig, vor allem für ihre Finanzierung. Die hohen Ausgaben für ihre eigenen Schulen, für Spitäler und Wohltätigkeitsorganisationen sind nur möglich, weil es globale Investitionen und Erträge gibt.“

Die Koppelung von Wohltätigkeit und der Mission des „wahren Islam“ zählt zu den zentralen Methoden der Bewegung. So unterhielt die Bruderschaft in Ägypten jahrzehntelang Krankenhäuser, in denen jährlich zwei Millionen Bedürftige behandelt wurden. Das garantierte eine tiefe Verankerung in der Gesellschaft, die ein Grund für die fulminanten Wahlerfolge ab 1984 war.

Die zweite Säule des Erfolges ist der enge Zusammenhalt. Zirka 800.000 Mitglieder zählt die Bewegung allein in Ägypten; die Hälfte sind Frauen. Der Aufnahmeprozess dauert Jahre. Verbunden sind die Mitglieder über „Familien“ („Usras“). Sie bestehen aus acht bis zehn Mitgliedern und treffen sich mindestens einmal pro Woche. „Du bist, sobald du zum vollwertigen Mitglied erklärt wirst, nichts mehr als Teil der Bewegung. Dein ‚Ich‘ hört auf zu existieren, es wird durch ein ‚Wir‘ ersetzt“, berichtet Ex-Bruder Abdel al-Galil Al-Sharnubi über den hohen Grad der sozialen Kontrolle innerhalb der Gruppe.

Die Usras schicken einzelne Abgeordnete in Komitees, die auf regionaler Ebene Entscheidungen treffen. Außerdem bilden sie einen internationalen Schura-Rat mit 130 Mitgliedern, der ähnlich wie eine Regierung mit Fachministern aufgebaut ist. Von dort aus werden Anweisungen blitzschnell zurück nach unten gegeben. An der Spitze steht der spirituelle Führer der ägyptischen Mutterbewegung. Derzeit ist es Mohammed Badie, er ist in Haft und bereits mehrmals zum Tode verurteilt.

Ein Ende der Bewegung bedeutete dies freilich nicht, auch nicht ihre erneute Klassifizierung als Terrorgruppe in Ägypten. Die Bruderschaft war fast während ihres gesamten Bestehens in Ägypten verboten, in Syrien, Libyen und Tunesien schien sie gänzlich ausradiert. Ihr widerstandsfähiges und unsichtbares Netz wirkte jedoch wie eine widerstandsfähige Lebensader, wie die Entwicklungen nach 2011 zeigten. „Man muss sich immer vor Augen führen: Die Muslimbruderschaft ist nicht einfach eine Organisation. Sie ist vielmehr die Verkörperung einer Idee. Und es ist sehr schwierig, eine Idee zu töten“, urteilt Shadi Hamid, Leiter der Denkfabrik „Brookings Center“ in Katars Hauptstadt Doha.

Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus dem Nahen Osten. Im März 2014 erschien ihr Buch „Muslimbrüder“ (Molden Verlag, Wien).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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