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DSCHIHAD
Rüdiger Lohlker
Um Gottes Willen

Die Deutung als »Heiliger Krieg« greift zu kurz

Handelt es sich beim Dschihad um einen militanten Kampf gegen Andersgläubige oder um das Bemühen für ein gottgefälliges Leben? Die immer wieder zu findende Übersetzung von Dschihad als „Heiliger Krieg“ jedenfalls verzehrt den Begriff in hohem Maße. Ein Verständnis von Dschihad, das sich nur auf ein oberflächliches Lesen des Korans stützt, führt in die Irre. Auch ein Verständnis der durch Rechtsschriften geprägten Vorstellung von Dschihad, die etwa über Kriegsrecht handeln, ist nur eine Teilwahrheit.

Was bleibt also? Schauen wir in den Koran, ist das Bild uneinheitlich. Es wird in der einen oder anderen Form der Begriff Dschihad an rund 40 Stellen erwähnt, von denen nur zehn sich eindeutig auf die Kriegsführung beziehen. Ist koranisch vom Krieg die Rede, werden häufiger andere Begriffe verwendet. Schaut man in repräsentative Korankommentare können wir sehen, dass in früher Zeit Dschihad eher als Anstrengung der Gläubigen verstanden wurde, gottgefällig zu leben. Erst später findet sich ein Verständnis von Dschihad als rein militärischem Kampf.

In der frühen Sammlungen von Hadithen, also der Überlieferungen von und über den Propheten Muhammad, sehen wir eine intensive Debatte darüber, ob die Kriegsführung moralisch höherwertig als andere religiöse Pflichten sei. Interessant ist, dass gerade in Syrien, also der Front gegenüber dem damaligen byzantinischen Reich, die Pro-Kriegs-Auffassung von Dschihad überwog. In den späteren großen Hadithsammlungen wird Dschihad eher als Krieg verstanden – ohne allerdings andere Auffassungen völlig auszuschließen. Als wichtigste gegenläufige Position mag eine Überlieferung gelten, die den inneren Kampf mit der Triebseele als wichtiger als den militärischen Kampf ansieht.

Streben nach Erkenntnis Bis zum 9. Jahrhundert entwickelte sich unter dem Begriff des Dschihad eine kriegsrechtliche Lehre, die den Anforderungen der Legitimierung und Regulierung der Kriege der neuen islamischen Reiche entsprang. Ein wichtiges Element war dabei die Unterscheidung zwischen der Pflicht zum kollektiven Dschihad, der in erster Linie den Herrschern und ihrer Armee oblag, und der Pflicht zum individuellen Dschihad, der jeden einzelnen Gläubigen im Verteidigungsfalle traf. Damit war ein Freiraum für die Gläubigen geschaffen, der die Kriegszwänge vormoderner Zeiten einhegte. In späteren Korankommentaren ist allerdings zu finden, dass selbst koranische Begriffe allein für Krieg und Kampf – also nicht Dschihad – als innerer Kampf gegen die Triebseele und Streben nach Gotteserkenntnis verstanden werden.

Es gibt auch jenseits des Korans und der Hadithe Quellen für den Begriff. In einem Fürstenspiegel, einem Ratgeber für künftige Herrscher aus dem 12. Jahrhundert, wird der Dschihad erwähnt. Zuerst wird ausführlich der Dschihad als Anstrengung gegen die Versuchungen der Triebseele beschrieben. Erst dann wird der militärische Dschihad erwähnt, ein für Herrscher unabdingbarer Bereich, dem allerdings der Dschihad gegen die Triebseele vorgereiht wird.

In einem Handbuch für Sufis, islamische Mystiker aus dem 11. Jahrhundert, wird Dschihad in genau dieser Lesart verstanden. Ähnliche Auffassungen finden sich in vielen etlichen sufischen Quellen. Bedenkt man, dass für lange Jahrhunderte der Sufismus das religiöse Leben in muslimischen Gesellschaften prägte, dürfte dieses Dschihadverständnis wohl prägend gewesen sein. Allerdings ist auch für Sufis der militärische Dschihad weiterhin präsent. Ob er geführt wurde, hing von den historischen Umständen ab.

Die Predigt für den Dschihad war oft an besondere historische Ereignisse gebunden. Der erste Kreuzzug bedeutete einen Aufschwung der Dschihadpredigt und -dichtung im syrischen Raum, die allerdings bewusst belebt werden musste. War die akute Gefahr vorbei, ließ auch die Dschihadbegeisterung nach: Die Menschen neigten eher zur Koexistenz mit den ansässig gewordenen Franken – und wandten sich manchmal mit ihnen gemeinsam gegen neue Kreuzfahrer.

Im damals muslimischen Teil der Iberischen Halbinsel wurde angesichts der Konfrontation mit den christlichen Gegnern der militärische Dschihad immer wieder betont; manchmal wurde er für eine Pilgerfahrt gehalten. Militärischer Dschihad wurde aber auch gegen andere Muslime geführt.

Bei der Zwölfer-Schia, jener im 10. Jahrhundert im heutigen Irak entstandenen Gruppierung der Schiiten, ist der offensive militärische Dschihad theoretisch suspendiert bis der in der Verborgenheit lebende zwölfte Imam wieder erscheint; ein Verteidigungskrieg ist weiterhin erlaubt. Allerdings gab es immer wieder Versuche, auch führenden Gelehrten und nicht nur dem Imam zu erlauben, zum Dschihad aufzurufen. Moderne zwölfer-schiitische Theoretiker betonen den Dschihad häufig als Kampf gegen Ungerechtigkeit.

In zwölfer-schiitischen Korankommentaren findet sich zum Beispiel bei einem herausragenden schiitischen Philosophen des
17. Jahrhunderts die klare Betonung des Dschihad als spirituelle, innere Anstrengung auf dem Weg zu Gott. Beim vielleicht bedeutendsten zwölfer-schiitischen Korankommentator des 20. Jahrhunderts finden sich zwar Erwähnungen kriegsrechtlicher Regelungen, aber vor allem die Erweiterung des Dschihadbegriffes auf den inneren Kampf beziehungsweise den Kampf gegen das Böse – ein Kampf, dem der Vorrang gegeben wird.

Auch im sunnitischen Bereich gibt es ähnliche Konfigurationen. Einer der führenden sunnitischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts aus Damaskus erkennt zwar die Notwendigkeit eines Verteidigungskrieges an, gibt aber dem inneren Kampf gegen die negativen Bestrebungen der Triebseele den unbedingten Vorrang und sieht ihn als weit schwieriger als den militärischen Dschihad an.

Für die Vormoderne lässt sich festhalten, dass unter Dschihad auch Krieg nach außen und gegen Rebellen im Inneren verstanden wird; die Mehrzahl der Quellen beziehen sich aber eher auf einen Dschihadbegriff bezieht, der nicht militärisch ist.

Insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Begriff des gewaltsamen Dschihad als Bezeichnung für den bewaffneten Kampf insbesondere gegen Kolonialmächte aktualisiert, eine Vorstellung, die sich dann in Palästina oder im Libanon als gewaltsamer Kampf gegen Besetzung wiederfindet. Die Ausläufer dieses Begriffes kann man in arabischen Schulbüchern oder arabischen militärstrategischen Abhandlungen sehen, die eher vom militärischen Dschihad sprechen.

Befreiungskampf Die extreme Ausformung des militärischen Dschihadverständnisses sind die dschihadistischen Strömungen der Gegenwart. Die Mörder des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat im Jahre 1981 hatten eine Programmschrift, die vom gewaltsamen Dschihad als vernachlässigter Glaubenspflicht sprach. Im Kampf gegen die Rote Armee, die 1979 in Afghanistan einmarschiert war, entstand der Dschihadimus als transnationale Bewegung. Es bildete sich eine Zweiteilung des Begriffes des gewaltsamen Dschihad heraus: Einmal als Kampf zur Befreiung besetzter oder für besetzt gehaltener muslimischer Länder (Afghanistan, später Bosnien und Irak) und zum anderen der transnationale Dschihad, der sich gegen mehrere Feinde wendet: den Westen, die arabischen Staaten, die als dessen Komplizen definiert werden, und später auch gegen die Zwölferschiiten.

Dieser gewaltsame Dschihad wurde zunächst als Verteidigungskrieg definiert, dann auch als Krieg zur Befreiung aller ehemals muslimischen Länder und in letzter Stufe als Krieg zur Unterwerfung der ganzen Welt. Dies wird besonders deutlich vom „Islamischen Staat“ nach der Ausrufung eines Kalifats im Sommer 2014 proklamiert. Der gewaltsame Dschihad ist das zentrale Merkmal dieser Strömung, die mit hohem Aufwand versucht, die islamischen Traditionen so zu interpretieren, dass sie alle möglichen Formen der Gewalt rechtfertigt.

Der Dschihad wird in der Gegenwart aber auch als Erziehungs-Dschihad oder im Iran als Aufbau-Dschihad gedeutet. Seit dem 19. Jahrhundert haben islamische Gelehrte immer wieder über einen friedlichen Dschihad als gewaltlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit reflektiert, die muslimische Teilhabe am von Mahatma Gandhi geführten gewaltlosen Kampf wird so verstanden, in Indonesien betonen Vertreter muslimischer Massenorganisationen, Dschihad sei nicht Gewalt. Die innermuslimische Auseinandersetzung mit dem Dschihad hat auch theoretisch begonnen, aber bis jetzt bei weitem nicht die Breitenwirksamkeit jener Deutung erreicht, die den Begriff allein in seiner militärischen Dimension auslegt.

Der Autor ist Professor für Islamwissenschaften am Institut für Orientalistik der Universität Wien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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