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AFRIKA
Marc Engelhardt
Unter dem Deckmantel des Islams

Islamistische Terrorgruppen berufen sich auf die Religion. Ihre Führer missbrauchen sie für eigene Profitinteressen

Als Kämpfer der somalischen Al-Shabaab Miliz am Gründonnerstag den College-Campus von Garissa stürmten, erschossen sie fast 150 Studenten – die meisten von ihnen Christen. Augenzeugen des Massakers in der Stadt im Nordosten Kenias berichteten später, die Islamisten seien von Tür zu Tür gegangen und hätten nur Muslime verschont. Ähnliches berichten Überlebende der Massaker, die die Terrorgruppe Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“) im Norden Nigerias anrichtet. Dabei trieben die fast durchgehend muslimischen Somalis Jahrhunderte lang Handel mit andersgläubigen Nachbarvölkern, ihr Islam galt – wie in den meisten anderen Teilen Afrikas auch – als extrem tolerant. Warum also spalten militante Gruppen, die sich auf den Koran berufen, seit einigen Jahren mit brutalen Morden und Gewalt afrikanische Gesellschaften?

Kriminelle Machenschaften Tatsächlich hat die Zunahme islamistischer Gewalt mit Religion kaum etwas zu tun. Der Islam ist vielen Gruppen ein nützlicher Deckmantel für andere Interessen, allem voran Kriminalität. Kaum ein Beispiel zeigt das besser als Boko Haram. 2002 gründete Mohammed Yusuf in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno im Nordosten Nigerias, Boko Haram. Die Gruppe profilierte sich schnell als Gegenentwurf zum korrupten Staatsgefüge, das sich vor allem um die Seinen kümmerte. Vor allem in den Armenvierteln wurde die Gruppe begrüßt, die jungen Männern Arbeit gab, kostenlose (Koran-) Schulen öffnete und sich als lokal verwurzelte Kraft präsentierte. Hinter den Kulissen schloss Yusuf jedoch schon nach wenigen Monaten Deals mit eben dem korrupten Establishment, das er öffentlich kritisierte. Boko Haram warb für bestimmte Politiker, stellte Schlägertrupps gegen deren Kritiker ab und wurde im Gegenzug mit Millionen aus dem Staatssäckel bezahlt.

Seit Boko Haram mit dem Staat in offenem Krieg steht, macht Boko Haram andere Geschäfte: die Bewegung kassiert Lösegelder nach Entführungen auch einfacher Leute. Sie erpresst Schutzgelder in den von ihr kontrollierten Gebieten und schmuggelt alles, was Geld bringt – Menschen inklusive. Auch die Al-Shabaab-Miliz will mit der Destabilisierung Kenias vor allem erreichen, dass sie wieder einen eigenen Meereszugang bekommt, der für ihre Schmuggelgeschäfte wichtig ist – alleine der mit Holzkohle und Zucker warf nach UN-Schätzungen zuletzt jährlich 250 Millionen US-Dollar ab. Zöge die kenianische Armee aus Somalia ab, wäre dieses Ziel ebenso erreicht wie wenn Verbündete von Al-Shabaab an Kenias Küste erfolgreich wären.

Der Islam gibt den Terroristen einen kulturellen Kontext, mit dem sie ihre Schreckensherrschaft begründen und vermitteln können. Gleichzeitig zieht sie fanatische Kämpfer an, die im Namen der Religion zu allem bereit sind und im Gegenzug wenig verlangen. Der langjährige Chef von Al-Shabaab, Ahmed Godane, schaltete innerhalb der eigenen Bewegung nicht nur die religiöse Schura aus, sondern machte sich selbst zur höchsten Autorität noch über den islamischen Gerichtshöfen. Dessen ungeachtet versicherte er seinen Fußsoldaten, für die einzig gerechte Sache zu kämpfen.

Leichte Opfer Dass solche Pläne so wunderbar funktionieren, liegt nicht zuletzt am Staatsversagen in den betroffenen Regionen. Weder Nigerias noch Kenias Regierungen haben sich in den vergangenen Jahren um das wachsende Heer arbeitsloser Jugendlicher geschert; in beiden Ländern lebt die Mehrheit der Muslime zudem in besonders benachteiligten Gegenden. Gerade junge Männer werden damit leicht zum Opfer der islamistischen Propaganda, von der der Politologe Asiem El Difraoui sagt, dass sie die Spaltung der Gesellschaften aktiv vorantreiben soll. Dadurch wird Angst erzeugt, die die Terroristen für ihren ungleichen Kampf nutzen – und die deshalb ins Abseits gedrängten Muslime werden zugleich bereitwilliger, sich Terrorgruppen anzuschließen. Eine Win-win-Situation für die Islamisten. Nur demokratischere Strukturen und wirtschaftliche Partizipation können den Islamisten auch in Ländern wie Mali, Niger oder Kenia auf lange Sicht die Grundlage entziehen. Parallel müssen die kriminellen Geldflüsse der Terrorgruppen trockengelegt werden. Dass immer mehr Imame in Afrika sich gegen die Islamisten aussprechen, ist wichtig. Den Islamismus können sie alleine aber nicht erfolgreich bekämpfen.

Der Autor berichtet seit mehr als zehn Jahren aus Afrika. Sein Buch „Heiliger Krieg, heiliger Profit“ (Ch. Links Verlag) beschreibt die Hintergründe der islamistischen Bewegungen dort.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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