Inhalt

INDONESIEN
Sophie Mühlmann
Ein schwieriger Drahtseilakt im Land der Vulkane

Das Land setzt auf einen moderaten Islam

„Die Wahl hat gezeigt, dass Islam und Demokratie Hand in Hand arbeiten können.“ Das hatte Indonesiens frischgebackener Präsident Joko „Jokowi“ Widodo im vergangenen November stolz erklärt, als er kurz nach seinem Wahlsieg zum ersten Mal mit US-Präsident Barack Obama zusammentraf.

Seine Heimat, erklärte Jokowi damals beim APEC-Gipfel in Peking zufrieden, habe schließlich 30 Jahre Erfahrung darin, Probleme mit religiösen Fanatisten zu lösen. In keinem Land der Erde leben mehr Muslime, als in dem südostasiatischen Inselstaat: 88 Prozent der 250 Millionen Indonesier gehören dem islamischen Glauben an, die meisten von ihnen sind Sunniten.

Obama lobte im Gegenzug die „außerordentlichen Bemühungen um Toleranz und Pluralismus“ seiner alten Heimat – Amerikas Präsident hatte als Kind selbst vier Jahre lang in Indonesien gelebt: „Ich möchte Indonesien dafür danken, was es getan hat, um den Extremismus zu isolieren.“

In der Tat: Die Mehrheit der Indonesier ist moderat eingestellt. Extremistische Parolen fallen hier nicht auf fruchtbaren Boden, denn der indonesische Islam hat von Anfang an Symbiosen mit lokalen Traditionen geschlossen und eine ganz eigene Art liberaler Muslime geschaffen.

„Wir haben in Indonesien große gemäßigte islamische Organsiationen“, erklärte Präsident Widodo nach 100 Tagen im Amt in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN. Diese Gruppen „lehren den moderaten Islam, einen Islam der anderen Religionen gegenüber tolerant ist. Und ich danke Gott, dass dieser Prozess im Moment in Indonesien gut funktioniert.“

Der Präsident und die Mehrheit der Indonesier können dem radikalen Islam nichts abgewinnen. „Es gibt keinen Kompromiss, wenn es um Gewalt geht“, hatte Jokowi ausdrücklich erklärt. „Und wir verurteilen das wirklich, aber wir müssen auch einander respektieren, andere Religionen bei den Mitmenschen zu akzeptieren“, sagte er. Denn fügte er hinzu: „Unterschiede können auch Schönheit bedeuten. Sie sind nichts Furchteinflößendes“.

Es ist diese „Einheit in der Vielfalt“, auf der Indonesiens Staatsgedanke beruht. Unter diesem Motto versucht der Vielvölkerstaat mit gutem Erfolg, seine über 300 ethnischen Gruppen unter einen Hut zu bringen. Politisch und religiös ist dieses Experiment heikel, es brodelt immer irgendwo, mal mehr und mal weniger – genau wie in den tausenden von Vulkanen, denen der Staat aus 16.000 Inseln seine Existenz verdankt.

Staatsdoktrin Pancasila Seit seiner Unabhängigkeit vor 70 Jahren hat Indonesien nämlich eine ganz besondere Staatsdoktrin in der Verfassung verankert: die sogenannte „Pancasila“. Diese Philosophie der „fünf Prinzipien“ regelt das Miteinander: das Prinzip der einen Göttlichen Herrschaft, des Internationalismus, des Nationalismus, der Demokratie und der Sozialen Gerechtigkeit. Radikaler Islam verstößt eindeutig gegen die Prinzipien der Pancasila, die Indonesien so heilig sind. Daher geht Jakarta kompromisslos gegen Aufwiegler, religiöse Haßprediger und radikal-islamische Gruppen wie die „Jemmah Islamiya“, einen lokalen Ableger der Terrorgruppe Al-Qaida, vor.

Und doch ist das Archipel nicht gänzlich frei von extremistischen Tendenzen und gewaltsamen religiösen Auswüchsen. So gab es immer wieder Anschläge auf christliche Kirchen und eine langjährige islamische Separatistenbewegung in der Provinz Aceh. Der Höhepunkt des islamistischen Terrors in Indonesien waren die sogenannten „Bali-Bomben“ im Oktober 2002. Bei einem Doppelanschlag gegen zwei Nachtklubs auf der Ferieninsel töteten Angehörige der „Jemmah Islamiyah“ 202 Menschen – Christen, Hinduisten und Moslems. Doch war dieser brutale Anschlag eher ein Weckruf für das Land, denn der Beginn einer radikalen Tendenz. Damals, so erklärt Sydney Jones, die Direktorin des „Institute for Policy Analysis of Conflict“ (Ipac) in Jakarta, hatten Beobachter befürchtet, dass die Bali-Bomben „und der politische Aufruhr, der ihnen folgte, einen religiösen Krieg in Indonesien anzetteln würden“.

Stattdessen aber räumte die Regierung in Jakarta der Terrorbekämpfung höchste Priorität ein. Eine schlagkräftige Antiterroreinheit der Polizei wurde gegründet, das „Detachment 88“. Mit dem Erfolg, dass die indonesischen Dschihadistengruppen kontinuierlich geschwächt wurden und die Zahl der Neu-Rekrutierten stetig sank. Seit 2006 gab es keine größeren terroristischen Anschläge mehr. Um das friedliche Zusammenleben der Religionen zu fördern, hat der neue Präsident auch den moderaten islamischen Politiker Lukman Hakim Saifuddin in seinem Amt als Religionsminister bestätigt. Saifuddin gehört der islamischen Partei für den Vereinten Aufschwung (PPP) an und gilt als Mann des interreligiösen Dialogs und als entschiedener Gegner von religiös motiviertem Extremismus. Dennoch: zwischen 250 und 300 indonesische Kämpfer, gibt Joko Widodo zu, haben sich inzwischen dem „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen. Doch „die Zahl ist wirklich klein“, meint Präsident Jokowi – verglichen mit einer Gesamtbevölkerung von einer Viertel Milliarde Menschen. Und, befürchtet auch Sydney Jones, je mehr Kämpfer sich dem IS anschließen – und vor allem, je mehr aus ihrem „Einsatz“ nach Indonesien zurückkehren –, desto mehr Aufwind könnte die Gruppe haben. Also greift die Polizei hart durch: Es gibt scharfe Personenkontrollen, verdächtige „Freiwillige“ werden an den Flughäfen aufgegriffen. Denn:„Wir wollen, dass Indonesien ein Beispiel für gemäßigten Islam bleibt“, betont Präsident Jokowi ein ums andere Mal, „Islam, der Toleranz aufweist, guter Islam“.

Die Autorin ist Asienkorrespondentin der Zeitung „Die Welt“.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag