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porträt
Daniel Völpel
Ein Leben zwischen zwei Welten

Die türkische Familie Memis ist im Raum Stuttgart fest verwurzelt: »Wir haben ein Mutter- und ein Vaterland«

Es ist Samstagnachmittag: Im Erdgeschoss eines Mehrfamilien-Altbaus in Denkendorf (Kreis Esslingen) treffen sich Semra und Seref Memis mit ihren Söhnen Arif und Kadir, dessen Frau Melike und der fünf Monate alten Enkelin Esila zum Kaffee. Das Wohnzimmer strahlt in warmen Farbtönen, der Kaffee verbreitet intensiven Mokkaduft. Die Familie Memis stammt aus Anatolien in der Türkei, hat den wirtschaftlichen Aufschwung in der Region Stuttgart miterlebt und vor allem mit erarbeitet und ist heute in Deutschland fest verwurzelt. Nicht wenige Gastarbeiter, die seit Anfang der 1960er Jahre hierher zogen, sind Moslems und die meisten von ihnen sind hier heimisch geworden, so auch Familie Memis.

Fußball verbindet Seref kam als 17-Jähriger Ende 1978 mit seinen Eltern nach Deutschland. Bis dahin lebte er in Bayburt in der Osttürkei. Angesichts der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit Anatoliens hoffte die Familie auf Arbeit in der Region Stuttgart. Serefs Vater kam beim Aufzughersteller Thyssen unter. Dort blieb er fast 25 Jahre lang, bis zu seiner Rente vor acht Jahren. Seref ging zunächst für ein halbes Jahr an die Hauptschule, ohne dass er ein Wort Deutsch konnte. Dann fing er ebenfalls in der Metallindustrie an. Seitdem arbeitet er in der Kleinteilmontage bei dem Hersteller für Industriearmaturen und Stellantriebe AUMA in Ostfildern. Anschluss fand Seref über das Fußballspiel. Zunächst in einem türkischen Verein am Ort, dann in einer bunten Gruppe aus Deutschen und anderen Nationalitäten, die sich in Scharnhausen, einem Ortsteil Ostfilderns, zum Kicken traf. Auch wenn der 53-Jährige heute nicht mehr spielt, Fußballfan ist Seref geblieben. Er fiebert er mit dem badischen Bundesligaklub SC Freiburg und mit Galatasaray Istanbul.

Serefs Frau Semra kam Ende 1979 als Zwölfjährige aus der Nähe von Trabzon vom Schwarzen Meer nach Ostfildern, weil ihr Vater hier als Bauarbeiter auf ein besseres Leben hoffte. Das Mädchen besuchte drei Jahre lang die Hauptschule, konnte jedoch aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse keinen Abschluss machen. Ihr sei es nicht schwer gefallen, hier Freundinnen zu finden, sowohl deutsche als auch türkische und Mädchen anderer Nationalitäten. „Das einzige, was mir gefehlt hat, war das Meer“, erzählt Semra. Auch in der Schule fühlte sie sich gut aufgehoben. Mit 17 Jahren fing sie als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft an, wo sie bis heute arbeitet. Dort lernten sich Seref und Semra 1985 kennen. „Er kam öfter, um Fisch zu kaufen“, erinnert sich die 47-Jährige.

Gruppenbildung Nach der Hochzeit 1988 kam ein Jahr später der älteste Sohn Kadir auf die Welt. Er ist inzwischen selbst seit fast vier Jahren verheiratet und arbeitet ebenfalls in der Metallindustrie. Beim Systemtechnikunternehmen Grüner kontrolliert er Gussteile für Kupplungen und Getriebe. Vom Bambini-Alter an galt auch seine Leidenschaft dem Fußball: zuerst spielte Kadir im FV Neuhausen, später in der Kreisliga für den TSV Silmingen. „Fremd gefühlt habe ich mich nie“, sagt er. „Ich habe mich mit allen Menschen gut verstanden.“ Die Tochter Sümera, zwei Jahre jünger als Kadir, zog es nach dem Schulabschluss zeitweise in die Heimat ihrer Eltern: Sie studiert jetzt in der Türkei Bankwesen und Finanzen, will aber nach ihrem Abschluss zurück nach Deutschland. Der jüngste Sohn Arif, 1999 geboren, besucht die 9. Klasse der Realschule und lebt noch bei den Eltern. Dass sich die Schüler ihrer jeweiligen Herkunft nach in Grüppchen absondern, hat er nicht mehr beobachtet – anders als sein älterer Bruder: „Da gab es das in den Pausen, hier die Türken, da die Russen“, sagt Kadir. „Aber ich habe mich immer mit allen unterhalten.“

Arif hingegen hat fast nur deutsche Freunde. „Mit allen drei Kindern gab es nie Probleme in der Schule“, sagt die Mutter. „Ich hatte immer guten Kontakt zu den Lehrern.“ Sie wisse aber, dass es nicht bei allen türkischen Eltern so sei. Ihren moslemischen Glauben leben die Memis‘, soweit es der deutsche Rhythmus zulässt. Wenn
Seref freitags zum Hauptgebet in die Moschee möchte, nimmt er sich frei – insbesondere an moslemischen Feiertagen. „Ich kann auch nicht öfter gehen, wegen der Arbeit“, sagt Semra.

Moschee und Minarett Die Moschee wurde, wie so viele in der Region, eher versteckt in einem ehemaligen Fabrikgebäude eingerichtet. Dass sich ein repräsentativer Neubau in der benachbarten Kreisstadt Esslingen am Neckar um Jahre verzögerte, hauptsächlich, weil das Minarett 60 Zentimeter zu hoch wurde, dafür hat Seref kein Verständnis: „Wegen ein paar Zentimetern, das ist doch lächerlich.“

Immerhin rund jeder Zehnte der knapp 92.000 Einwohner der ehemaligen Reichsstadt Esslingen ist Moslem. Braucht eine Moschee in der mittelalterlich geprägten Stadt einen 25 Meter hohen Turm? „Mit Minarett ist es schöner“, findet Kadir. „Aber es muss natürlich auch nicht sein.“ Die Diskussionen über den Islam beschäftigen die Familie stark, insbesondere die Pegida-Demonstrationen. „Das stört uns schon“, sagt Seref und wundert sich: „Wer sind diese Leute? Wo kommen die auf einmal alle her?“ Seine Schwiegertochter Melike berichtet, dass dies auch unter den jungen Leuten ein Thema war: „Darüber diskutieren wir schon mit unseren Freunden.“ Ihr Mann Kadir fügt hinzu: „Mich stört, dass hier immer verallgemeinert wird. Man sollte doch die konkrete Person betrachten und nicht immer sagen ,die Türken‘ oder ‚die Moslems‘.“ Dass ihr Glaube als Rechtfertigung für Gewalt herhalten muss, betrübt die Familie. „Wir hassen die IS-Terroristen genauso“, sagt Seref und wird emotional: „Die machen unseren Glauben schlecht. Aber die Menschen, die keine Ahnung haben, sagen, ,das sind deine Leute‘. Das sind Terroristen und Mörder. Das passt nicht zum Islam, mit unserer Religion haben sie nichts zu tun.“

Zwar fühlt sich die Familie insgesamt gut aufgehoben in Deutschland, kleinere Probleme im Alltag gibt es aber immer wieder. So raunzte ein Mann Semra und Arif beim Einkaufen einmal an, weil ihr kleiner Sohn nach einer Flasche im Regal gegriffen hatte: „Das könnt ihr vielleicht in der Türkei so machen!“ Als Semra mit ihrer Schwiegermutter, die Kopftuch trägt, einkaufen ging, drängelte sich einmal ein Mann erst vor und ließ dann alle Waren liegen und verschwand, als ihn der Kassierer zurechtwies. Auch die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig. Ein afrikanischer Arbeitskollege habe über Mitglieder seiner Kirchengemeinde sogar zwei Wohnungsangebote erhalten, erzählt Seref. Also schlug dieser der Familie Memis vor, dass sie doch die zweite Wohnung mieten könne. Als Seref den Vermieter anrief, hielt dieser ihn erst hin und sagte dann ab – weil der Bruder und Miteigentümer nicht an Türken vermieten wolle. Zum Glück komme so etwas nicht so häufig vor, sagt Seref.

Zweite Heimat Seine Eltern zogen vor acht Jahren zurück in die Türkei, nachdem der Vater in die Rente gegangen war. Er genoss es, in das alte Umfeld seiner Heimat zu kommen. „Opa hat sehr viele Freunde, dem geht’s sehr gut“, sagt Kadir. Einmal im Jahr kommen die Eltern zu Besuch nach Deutschland, einmal fährt dann die Familie in die Türkei. Semras Eltern und ihre drei Brüder dagegen blieben, sie leben im Nachbarort. Das Ehepaar Memis würde am liebsten beides machen, wie Seref sagt: „Sechs Monate hier und sechs Monate in der Türkei. Das wäre perfekt.“ Seine Frau beschreibt ihre innere Zerrissenheit: „Wir haben ein Mutter- und ein Vaterland. Ich habe die Gedanken an die Heimat immer in mir. Aber die Kinder sind hier.“

Doppelpass Auf der anderen Seite des Bosporus leben jedoch die übrigen Verwandten. Bis die Entscheidung ansteht, sind es noch mehr als zehn Jahre. Deshalb hoffen die Memis‘ vor allem darauf, dass sie irgendwann einen deutschen und einen türkischen Pass bekommen können. „Dann könnten wir einfacher reisen“, sagt Seref. Seine Frau und der Jüngste haben die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, „aber das ist sehr schwierig“, erzählt Semra. Für ihre Kinder liegt der Lebensmittelpunkt dagegen eindeutig in der Region Stuttgart, die ihre Eltern und Großeltern wirtschaftlich mit groß gemacht haben: „Wenn wir in Urlaub waren, habe ich immer gesagt, ich gehe nicht zurück“, erzählt Kadir. „Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Ich habe alle Freunde und Bekannten in Deutschland.“

Der Autor ist freier Journalist in Stuttgart.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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