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INTERVIEW
Claus Peter Kosfeld
»In den Grundschulen entscheidet sich die Integrationsfähigkeit«

Im Berliner Bezirks Neukölln leben viele Moslems – manche sind modern, andere sehr traditionell. Und manchmal gibt es sogar Streit über Ostereier

Frau Giffey, manche Leute sagen, Neukölln sei dreckig, kriminell, arm und kein bisschen sexy. Was reizt Sie am Job der Bezirksbürgermeisterin?

Neukölln ist mehr als die Summe seiner Probleme. Es ist vielleicht nicht der schönste Bezirk Berlins, aber einer der spannendsten. Wir haben viele Schwierigkeiten, gerade in der Schule, aber wir haben auch viele Menschen, die hier positiv etwas bewegen.

Manche muslimische Frau geht vollverschleiert einkaufen, in einigen Gegenden ist die Ghettobildung unübersehbar. Wie erleben Sie die Kulturbrüche?

Wir haben parallele Entwicklungen: Da ist die deutsche „Ureinwohnerschaft“, da sind Menschen aus der Gastarbeitergeneration, die seit Jahrzehnten hier leben und teilweise immer noch kein Deutsch können, und wir haben Neuzuzügler aus Südosteuropa. Manche Gruppen ziehen sich zurück auf einen Wertekanon, der nicht unbedingt dem entspricht, was wir in der freiheitlichen Demokratie vermitteln wollen.

Gilt das auch für die islamischen Kreise in Neukölln?

Auf jeden Fall. Wir haben zum Beispiel die Diskussion über die Gleichberechtigung der Frau und die Frage, darf ein Mädchen sich ihren Ehemann selbst aussuchen und selbstbestimmt ihr Leben gestalten. Wir hatten unlängst Diskussionen mit Eltern, weil ihr muslimisches Kind in der Schule kein Osterei bemalen sollte. Es geht um Schwimmunterricht, Klassenfahrten und die Frage, ob Jungs einer Frau zur Begrüßung die Hand geben müssen. Da befinden wir uns permanent in Verhandlungen.

Ist die Integration von Moslems besonders schwierig?

Das kann man so nicht sagen. Es hat mit dem Bildungshintergrund und der Frage zu tun, wie Menschen ihren Glauben leben. Wenn dies auf dem Boden des Grundgesetzes geschieht, kann auch die Integration gelingen. Problematisch wird es, wenn der Glaube als Rechtfertigung für die Ungleichheit von Mann und Frau und für die Abkehr von einem freiheitlichen, selbstbestimmten Menschenbild genutzt wird.

An manchen Neuköllner Schulen sind türkische und arabische Kinder fast unter sich. Welche Folgen hat das?

Wir haben Schulen mit einem Anteil Kinder nichtdeutscher Herkunft von 80 bis 90 Prozent. Zugleich sind 80 bis 90 Prozent im Transferleistungsbezug. Wir haben in den 1. Klassen 60 Prozent Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und über 50 Prozent mit Sprachstörungen. Hier entscheidet sich die Integrationsfähigkeit. Fakt ist auch, es sind Kinder, die in Berlin geboren und zumeist deutsche Staatsbürger sind und die wir für die Zukunft der Stadt brauchen. Wir müssen uns darum kümmern, ihnen eine Perspektive zu ermöglichen.

Wie kommen Sie an die Problemfamilien muslimischer Prägung heran?

Was wir tun, bezieht sich nicht nur auf muslimische Familien, sondern generell auf die schulische Situation in einem sozialen Brennpunkt. Wir versuchen das auf vielen Ebenen, zum Beispiel durch Schulsozialarbeit, Elternarbeit und Hausbesuche der Lehrer oder Kita-Erzieherinnen. Viele Eltern meinen, die Schule oder Kita kümmert sich um alles. Die eigene Erziehungsverantwortung wird nicht in ausreichendem Maße gesehen. Wir haben Debatten darüber, wie wichtig es ist, den Kindern vorzulesen und dass der Fernseher nicht den ganzen Tag als optisch-akustische Tapete mitlaufen sollte. Aber in bestimmte Familien kommen wir gar nicht rein.

In Neukölln gibt es die berüchtigte Al-Nur-Moschee, wo schon öfter Hassprediger aufgetreten sind. Warum kümmern sich Politiker so wenig darum, was da gepredigt wird?

Wir haben als Bezirksamt den Senat aufgefordert, zu prüfen, ob der Moscheeverein verboten werden kann. Seitdem haben wir nichts gehört. Für mich ist klar, wenn jemand zu Judenhass, zu Gewalt generell oder zur Unterdrückung von Frauen aufruft, muss der Staat reagieren. Wir sehen ja, wie die Kinder hin und hergerissen sind zwischen Koranschule und öffentlicher Schule. Da werden ja teilweise völlig unterschiedliche Wertekontexte gepredigt.

Neukölln steht trotz aller Probleme aber auch für erfolgreich gelebtes Multikulti, oder?

Hier leben 320.000 Einwohner aus 160 Nationen weitgehend friedlich miteinander. Viele Menschen mit ausländischen Wurzeln leisten für den Bezirk unheimlich viel. Die muslimischen Jugendlichen, die ihr Abitur machen mit super Ergebnissen sind gar nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir reden nur über die 160 Intensivtäter in Neukölln, eine kleine Gruppe. Es ist wirklich schade, wenn die Debatte immer nur in die eine Richtung läuft.

Die Kanzlerin sagt, der Islam gehört zu Deutschland. Was sagen Sie?

Diese Debatte hilft uns vor Ort nicht weiter. Der Islam ist sicher nicht Teil der Tradition und Geschichte unseres Landes, aber er ist Teil der Lebensrealität, Teil des Alltags. Man muss nur einen Fuß auf die Straße setzen und sieht, dass der Islam überall präsent ist. Wir haben genau so viele Moscheevereine im Bezirk wie evangelische Kirchengemeinden. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Haben Sie manchmal Angst im „Brennpunkt“ Neukölln?

Nein, nie, nicht einmal nachts.


Franziska Giffey ist Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport und künftige Bezirksbürgermeisterin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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