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Deutschland
Stefan Uhlmann
Minderheit in Zahlen

Wie viele Muslime hier leben, woher sie kommen: ein Überblick

Das Zeichen des Islams ist in Dresden schon lange präsent. Nahe der Innenstadt steht die „Tabakmoschee“. Ein Imam hat hier jedoch nie gepredigt. Der Tabakunternehmer Hugo Zietz ließ sie 1908/1909 bauen. Er wollte so das Bauverbot für Fabrikgebäude im Stadtzentrum umgehen und zugleich für seine Orientalische Tabak- und Cigarettenfabrik „Yenidze“ werben. Damals gab es viel Kritik an dem Bau. Irgendwann gehörte er zum Stadtbild. Seit Jahrzehnten beherbergt er Büros.

Gut 100 Jahre später lehnen sich wieder Tausende in Dresden gegen den Islam auf. „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) nennt sich die umstrittene Bewegung. Zwar hat sie sich mittlerweile gespalten, doch gehen noch immer allwöchentlich Pegida-Anhänger auf die Straße – in einem Bundesland mit weniger als einem Prozent Muslime.

Der Islam gehört schon länger zu Deutschland. Von einer Islamisierung kann jedoch keine Rede sein. 3,8 bis 4,2 Millionen Muslime leben nach Angaben der Deutschen Islamkonferenz in der Bundesrepublik; der Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt mit rund fünf Prozent unter dem in Frankreich, Österreich oder den Niederlanden. Rund 2,7 Millionen Muslime sind türkischstämmig, etwa 500.000 aus Südosteuropa, insbesondere aus Bosnien-Herzegowina, eingewandert. In nennenswertem Umfang sind auch Muslime aus Marokko, Iran und Afghanistan gekommen. Aktuell flüchten viele Syrer vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land in die Bundesrepublik. Allein 2014 suchten 41.000 Syrer hierzulande Asyl. Der Zustrom hält weiter an.

Die meisten Muslime leben in den westdeutschen Industrieregionen, wo viele Zuwanderer der ersten Generation als Gastarbeiter angeworben worden waren. Einige große Städte wie Köln, Stuttgart, Dortmund oder Duisburg weisen Migrantenanteile von mehr als 30 Prozent auf; Spitzenreiter ist Frankfurt am Main mit 43 Prozent. In den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen ist fast jeder 10. Bewohner muslimisch. Dagegen dürfte es Bewohnern in den ostdeutschen Flächenländern schwerfallen, Muslime zu treffen. Zwischen 0,2 und 0,7 Prozent schwanken deren Bevölkerungsanteile im Osten.

Späte Einsicht Dass Deutschland dauerhafte Heimstatt für Ausländer und damit auch Muslime geworden ist, hat die Politik erst spät akzeptiert. Noch in den 1990er Jahren beteuerte die Kohl-Regierung, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Vor anderthalb Jahren wurde ein Dokument bekannt, wonach Kanzler Helmut Kohl (CDU) 1982 die Zahl der Türken in Deutschland halbieren wollte. Der Hinweis fand sich in einem 2013 freigegebenen Papier der britischen Regierung. Kohl hatte sich damals gegenüber Premierministerin Margaret Thatcher geäußert. Später hieß es abgeschwächt, Deutschland sei kein klassisches Einwanderungsland.

Die Ausgrenzung förderte die Bildung muslimisch geprägter Stadtviertel. Die städtische Segregation behindert die Entwicklung der Sprachkompetenzen von Migranten. In muslimischen Familien, vor allem bei der dritten Generation, seien diese Kompetenzen „erstaunlich schwach“, heißt es in der Studie „Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland“ der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Etwa drei Viertel der Muslime in Deutschland sind Sunniten, sieben Prozent Schiiten, knapp 13 Prozent Aleviten. Ihr Organisationsgrad in Deutschland ist relativ gering. Der größte Verband ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) mit 700 bis 900 Gemeinden und deutlich mehr als 100.000 Mitgliedern. Der Zentralrat der Muslime zählt etwa 20.000 Mitglieder, der Islamrat 40.000 bis 60.000 Mitglieder. Die größten Verbände haben sich zum Koordinierungsrat der Muslime zusammengeschlossen. Der Sprecherposten wechselt, derzeit hat ihn – als erste Frau – Nurhan Soykan (siehe Seite 1) inne. Bekanntestes Gesicht ist allerdings Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. Der Aachener mit syrischen Wurzeln ist oft in den Medien, weshalb ihm etwa die DITIB unlängst Profilierungssucht vorwarf. Mazyek seinerseits appellierte an die anderen Verbände, sich stärker in öffentliche Debatten einzubringen.

Ihr Glaube spielt für die Muslime eine wichtige Rolle. In der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ von 2008, die als aktuellste bundesweite Datenbasis für das Thema gilt, gaben nur 13 Prozent an, nicht oder eher nicht gläubig zu sein. Jeder dritte betet täglich, jeder fünfte nie.

Eine eigene Partei haben die Muslime in Deutschland nicht. Befragungen nach der Bundestagswahl 2013 belegen eine Neigung hin zu linken Parteien. Knapp zwei Drittel der Deutschtürken haben demnach SPD gewählt, je zwölf Prozent Linke und Grüne; die Union kam auf sieben Prozent. In der Türkei würden sie indes mehrheitlich die konservative AKP wählen.

Knapp die Hälfte der Türkischstämmigen in Deutschland hat einen deutschen Pass. 52 Prozent der Menschen mit türkischen Wurzeln wurden hier geboren. Unter den gut 112.000 Eingebürgerten waren vergangenes Jahr knapp 25 Prozent Türken. Sie lassen sich eher einbürgern, um rechtlich gleichgestellt zu sein, als etwa Griechen oder Italiener, die EU-Bürger sind.

Obgleich viele Muslime schon lange in Deutschland leben, sind sie doch in weiten Teilen benachteiligt. Die einstigen Gastarbeiter gehören überproportional sozial schwächeren Schichten an. Die Arbeitslosigkeit unter Ausländern – explizite Zahlen zu Muslimen gibt es nicht – ist dreimal so hoch wie unter deutschen Arbeitnehmern. Es gibt nur wenige Lehrer oder Polizisten mit Migrationshintergrund. Ganze 2,3 Prozent Ausländer arbeiten laut Bundesanstalt für Arbeit in der Verwaltung.

Deutlich wird dies auch in der Politik. Nur elf der aktuell 631 Bundestagsabgeordneten haben türkische Wurzeln. Gemessen am Bevölkerungsanteil müssten es doppelt so viele sein. Nur vier Abgeordnete geben den Islam als Religion an. Die CDU hat mit Cemile Giousouf erstmals eine muslimische Abgeordnete in ihren Reihen. Im Kanzleramt wirkt seit 2013 immerhin mit Aydan Özoguz (SPD) erstmals eine Muslima als Integrationsbeauftragte.

Die Deutschen tun sich schwer mit dem Islam und den Muslimen. Als Katalysator des Misstrauens gilt der 11. September 2001. Mehrere Attentäter der Al-Qaida-Anschläge in den USA lebten jahrelang in Hamburg. Wenngleich die übergroße Mehrheit der Muslime in Deutschland Rechtsstaat und Demokratie begrüßt und Radikalität ablehnt, wird das Bild der Deutschen geprägt von Berichten über radikalisierte junge Muslime, die in den Dschihad ziehen, Al-Qaida und der „Islamische Staat“ (IS), Hass-prediger und Ehrenmorde. Beleg dafür ist eine im Januar vorgelegte Studie der Bertelsmann-Stiftung, wonach 57 Prozent der Deutschen den Islam als Bedrohung ansehen; 2013 waren es 53 Prozent. Im Osten des Landes ist der Anteil noch etwas höher. 61 Prozent meinten, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Und 24 Prozent würden sogar die Einwanderung von Muslimen nach Deutschland verbieten.

Dabei ist die Zahl der Islamisten unter den Muslimen in Deutschland gering. Laut Verfassungsschutzbericht gab es Ende 2013 rund 30 bundesweite islamistische Organisationen mit einem Personenpotenzial von rund 43.000 Menschen. Das entspricht nur einem Prozent aller Muslime hierzulande. Zulauf hat jedoch der extremistische Salafismus. 5.500 Salafisten gab es 2013 laut Verfassungsschutz in Deutschland, rund 1.000 mehr als im Jahr zuvor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte im Januar in einer Regierungserklärung nach den Terroranschlägen in Paris fest, dass die allermeisten Muslime in Deutschland rechtschaffene und verfassungstreue Bürger seien. Zugleich mahnte sie eine „dringende“ Auseinandersetzung mit den Gewalttätern an, die sich auf den Islam berufen.

Rund 2.500 Moscheen Die Ablehnung des Islam zeigt sich auch in Protesten gegen den Bau neuer Moscheen, etwa in Köln und Berlin. Die Angriffe auf islamische Gotteshäuser haben in den vergangenen drei Jahren um ein Drittel zugenommen. Rund 2.500 als Moscheen genutzte Gebäude gibt es in Deutschland, darunter nur rund 150 größere Bauten. Zum Vergleich: Die Zahl der Kirchen ist 20 Mal so hoch. Die erste Moschee in Deutschland wurde 1915 aus Holz in Wünsdorf bei Berlin für muslimische Kriegsgefangene errichtet. Die älteste erhaltene Moschee ist das 1928 in Berlin-Wilmersdorf eingeweihte Haus der Ahmadiyya-Gemeinde.

Die Muslime leiden ihrerseits unter der Skepsis der Deutschen. Sie fühlen sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung mehrheitlich demokratischen Werten verbunden. 90 Prozent der religiösen Muslime halten die Demokratie für eine gute Regierungsform. Ebenso viele haben in ihrer Freizeit Kontakte zu Nichtmuslimen, jeder zweite in gleichem Maß wie zu Anhängern seiner Religionsgemeinschaft. „Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat“, konstatierte Yasemin El-Menouar, Islamexpertin der Stiftung.

Die Vorbehalte unter den Bundesbürgern hat auch die Deutsche Islamkonferenz nicht abbauen können. 2006 hatte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das Forum initiiert, um den Dialog zwischen Staat und Muslimen zu fördern. Seit der Bundestagswahl 2013 stehen die islamische Kinder-, Jugend- und Altenhilfe sowie die Seelsorge im Fokus. Auch um die Fortbildung von Imamen kümmert sich die Konferenz. 90 Prozent der rund 2.000 Imame in Deutschland kommen aus dem Ausland. Zumeist sind sie wie im Fall der DITIB-Gemeinden Beamte des türkischen Staates, die nur einige Jahre in Deutschland verbringen. Nur wenige Vorbeter sind hierzulande aufgewachsen. Das soll sich nach dem Willen der Islamkonferenz ändern.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

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