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MEDIEN
Jan Freitag
Weltreligion unter Verdacht

Terror bestimmt die Berichterstattung über den Islam

Das Kopftuch ist ein seltsames Kleidungsstück. Seit Menschengedenken schützt es vor Wüstensand, weiblichem Selbstvertrauen oder Frisurverwehungen. Gangmitglieder und Trümmerfrauen, Bäuerinnen und Hipster, Heimchen am Herd, Hardrocker und ja, auch eine Menge Muslima diesseits wie jenseits strenggläubiger Kulturkreise – sie alle tragen das mal blumige, mal schlichte, meist luftige, seltener blickdichte Stück Stoff. Kopftücher sind global verbreitete Kleidungsstücke, Jahrtausende schon in Mode, überall. Und doch ist der Mediengesellschaft merkwürdig wichtig, wer genau es trägt, wann, wo und vor allem: warum. Zum Beispiel im Unterricht.

Dort verbieten es einige Bundesländer per Gesetz. Noch. Im Januar revidierte das Bundesverfassungsgericht sein Urteil von 2003 und erklärte, das Tragen des Kopftuchs dürfe nur untersagt werden, wenn „konkrete Gefahr“ für Schulfrieden oder staatliche Neutralität ausgehe (siehe Seite 2). Das kann man richtig oder falsch finden, diskriminierend oder emanzipierend. Was aber insbesondere in der deutschen Medienlandschaft offenbar schwer fällt, ist, darüber vorurteilsfrei diskutieren. Besonders Boulevardblätter verwenden nicht erst seit Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ Begriffe wie „Kopftuch-Mädchen“, die erst zwangsverheiratet und zu „Kopftuch-Frauen“ gereift dem Islamischen Staat nachreisen würden. Dass eben diese Blätter eine derart traditionell bedeckte Sorbin oder modisch dekorierte Blankeneserin je ähnlich tituliert hätten, ist nicht überliefert.

Unter Verdacht Wer wann wo aus welchen Gründen Kopftuch trägt, wird medial häufig weniger zunächst einmal als eine Frage innerer Einstellung (also etwa auch des Glaubens) diskutiert, sondern im Zeichen von Abwehrreflexen und Verdächtigungen. Spätestens seit den Terroranschlägen des 9. September 2001 werden Begriffe Migration, Islam und Terror oft auf einen reduziert: Islamismus. 2014 habe der „Islamische Staat“ (IS) das Bild von Muslimen und ihrer Religion in der deutschen Medienlandschaft auf den Tiefpunkt gebracht, so formuliert das der Schweizer Auswertungsdienst Media Tenor, der rund 270.000 Berichte in 19 deutschen TV-, Radio- und Printmedien durchforstet hat. Terror, Kriege und internationale Konflikte seien seit Jahren die prägenden Themen der Berichterstattung über den Islam. Auch durch die IS-Propaganda übersteige die Menge der Berichte über den Islam im Jahr 2014 bei weitem jene über die beiden christlichen Kirchen zusammengenommen.

Trotz einer „Vielzahl verschiedenartiger Lebensrealitäten“, klagt die Erlanger Medienpädagogin Sabine Schiffer, nähmen deutsche Medien 1,2 Milliarden Muslime „als homogene Masse“ wahr, die „bedrohlich oder zumindest rückständig erscheint“. So erklärt sich jene Mischung diffuser Ängste, verbrämter Vorurteile und offener Ressentiments, die den Diskurs allzu oft prägt. Seit der „Islamische Staat“ zur grausigen PR-Show bittet, wetteifern Talkshows mit Titeln wie „Mord im Namen Allahs“ (Maybrit Illner) um die knalligste Headline. Frank Plasbergs Frage, „Vor welchem Islam müssen wir Angst haben?“, beantwortet Anne Will mit „Allahs Krieger im Westen“, was dem Magazin „Cicero“ nicht weit genug ging, als es insinuierte: „Ist der Islam böse?“. Und das Magazin „Focus“ illustrierte „acht unbequeme Wahrheiten über die muslimische Religion“ mit Muselfrauen im Niqab und Muselmännern mit Bart.

Im Rennen zwischen alten und neuen Medien senkt ein nuancierter Tonfall die Siegchancen. Es geht um Aufmerksamkeit, möglichst plakativ und stereotyp vermittelt. Wird über Migration, gar arabischer berichtet, so kommentierte Deniz Baspinar die Sarrazin-Debatte, „sehen wir die ewig gleiche Rückenansicht einer Gruppe von Frauen mit Kopftuch und bodenlangen Mänteln“, deren Glaubensbrüder Korane oder Kalaschnikows halten. Die Zeit-Autorin sieht hier ein „mediales Perpetuum Mobile“ am Werk: Wer solcherart Klischees journalistisch transportiere, verstärke zugleich die Nachfrage nach ihnen, die Redaktionen dann wiederum im journalistischen Ringen um Klicks und Käufe bedienen zu müssen glaubten. Resultat dieses Agenda-Settings ist aus Sicht des Medienforschers Kai Hafez ein „virtueller Islam“, dessen Gläubige kaum noch als kulturelle, soziale, ökonomische, sondern rein religiöse Wesen wahrgenommen werden.

Die Beschreibung des Alltags von Millionen Muslimen hierzulande und die Frage, wie sich das Miteinander in einer Einwandergesellschaft gestalten lässt, treten hinter plakativen Schlagzeilen zurück. Die „Bild“-Zeitung etwa zitierte kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres den Grünen-Abgeordneten Omid Nouripour mit den Vorschlag eines muslimischen Liedes im Adventsgottesdienst – was dieser nach eigener Darstellung so gar nicht gefordert hatte: „Der Vorschlag, wie er da steht, ist von der BILD-Zeitung einem Politiker muslimischen Glaubens in den Mund gelegt“, schrieb Nouripour dazu auf seiner „Facebook“-Seite. Falls es sich so abgespielt haben sollte, könnte man das medienwissenschaftlich als „Framing“ („Einrahmen“) bezeichnen, die Einordnung objektiver Sachverhalte in subjektive Deutungen.

Doch auch Politiker christlicher Parteien können falsch eingerahmt werden. Als Niedersachsens Sozialministerin 2010 für das Kopftuchverbot warb, allerdings darauf hinwies, dass dann auch Kruzifixe in Schulen nichts zu suchen hätten, hätten die Sätze der CDU-Politikerin nur ein laues Lüftchen erzeugt. Erst das „Wer“ machte daraus medial einen Orkan: Sie heißt Aygül Özkan.

Der Autor ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Medien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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