Inhalt

Prävention
MK
Sozialarbeit gegen die Radikalisierung

Mit vielfältigen staatlichen Maßnahmen wird europaweit versucht, ein Abrutschen Jugendlicher in den gewaltgeneigten Salafismus zu verhindern

Die Radikalisierungsprävention gegen gewaltbefürwortende neosalafistische Strömungen ist in Europa und insbesondere Deutschland eine noch junge Disziplin. In der Präventionsforschung werden gemeinhin drei Handlungsfelder unterschieden.

Die primäre, häufig auch universelle Prävention spricht alle gesellschaftlichen Gruppen an. Ziel ist die Stärkung erwünschter Haltungen und eine langfristige Stabilisierung positiver Lebensbedingungen. Moderne Ansätze in Schule, Jugendhilfe und politischer Bildung fokussieren nicht vorhandene Defizite der Teilnehmenden, sondern setzen an vorhandenen individuellen Ressourcen an und fokussieren damit die Entwicklungspotenziale junger Menschen. Von großer Bedeutung ist hier, dass durch die Ressourcenorientierung unabsichtliche negative Markierungen verhindert werden können. Herausragende Beispiele in diesem Bereich der Radikalisierungsprävention sind die Modellprojekte „Ibrahim trifft Abraham“, das im Kontext des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“ durchgeführt wurde und „Dialog macht Schule“, das von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Robert-Bosch-Stiftung finanziert wird. Beide Projekte verfügen über einen ausgeprägten partizipativen Ansatz .

Die sekundäre oder auch selektive Prävention umfasst Angebote für junge Menschen, die definierte Risikofaktoren aufweisen. Zu unterscheiden sind hier direkte und indirekte Maßnahmen. Direkte Maßnahmen wenden sich unmittelbar an die Zielgruppe. Hierzu zählen aufsuchende Formate der Jugendhilfe oder direkte Interventionsformate, wie sie zum Beispiel im Kontext der schulischen Sozialarbeit durchgeführt werden. Zu den indirekten Formaten, die Schlüsselpersonen adressieren, die eng mit der Zielgruppe agieren, zählen insbesondere die Beratungsangebote für Eltern, wie sie unter anderem im Bundesprogramm „Beratungsstelle Radikalisierung“ angeboten werden. Zu den indirekten Formaten zählen ferner Fortbildungsprogramme für Multiplikatoren. Wegweisend ist in diesem Bereich die bpb, die seit Januar 2015 die Fortbildung „Neosalafismus – Prävention in den Handlungsfeldern politische Bildung, Schule, Jugendhilfe, Vereinsarbeit und Gemeinde“ anbietet. Die Fortbildung umfasst vier Module, die an vier Wochenenden unterrichtet werden und richtet sich an Fachkräfte aus politischer Bildung, Schule, Jugendhilfe, Vereinsarbeit und muslimischen Gemeinden.

Schließlich wäre noch die tertiäre oder auch indizierte Prävention anzuführen. Sie richtet sich an Menschen mit manifesten Problemlagen. Die Prävention in diesem Bereich soll weitere Eskalationen verhindern, ferner soll sie Menschen aus extremistischen Bewegungen herauslösen und dazu beitragen, dass diese ein Leben ohne weitere Delinquenz gestalten können. Auch hier kann zwischen direkten und indirekten Maßnahmen unterschieden werde. Zu den direkten Maßnahmen zählen Aussteigerprogramme, die zum Beispiel mit Rückkehrern aus dem syrischen und irakischen Kriegsgebiet arbeiten. Es kann davon ausgegangen werden, dass im kommunalen Raum in zunehmender Zahl traumatisierte Ex-Kombattanten langwierig betreut werden müssen. Zu den indirekten Maßnahmen zählen Fortbildungen, die Imame befähigen, als Gefängnisseelsorger tätig zu werden. Es geht aber auch um eine flankierende Sozialarbeit, die ehemalige Strafgefangene über einen längeren Zeitraum begleitet.

Was die Durchführung von Präventions- und Aussteigerprogrammen betrifft, haben die westeuropäischen Staaten sehr unterschiedliche Erfahrungen vorzuweisen. Pionierleistungen auf dem Gebiet der Radikalisierungsprävention hat vor allem Großbritannien vorzuweisen. Bereits im Jahr 2003 verkündigte der damalige Premier Tony Blair die ganzheitliche Terrorabwehrstrategie CONTEST, die nach den Londoner Anschlägen von 2006 erheblich ausgedehnt wurde. Zeitweise flossen bis zu 140 Millionen Pfund in präventive Maßnahmen. Adressaten der „Prevent-Strategy“ waren unter anderem Moscheegemeinden, die in belasteten Siedlungsräumen mit Jugendlichen arbeiteten. Erfolge hat in diesem Kontext insbesondere das „Channel-Programm“ vorzuweisen. Durch gezielte pädagogische Interventionen, die von ausgewählten Akteuren in Sozialräumen durchgeführt wurden, konnte bei zahlreichen Jugendlichen ein Fortschreiten der Radikalisierung verhindert werden.

»Demokratie leben« Positive Erfahrungen mit Präventionskonzepten haben auch die Niederlande vorzuweisen. Innovativ war zum Beispiel das ganzheitliche Präventionsprojekt „Amsterdam tegen radicalisering“, das insgesamt 16 Handlungsfelder umfasste. Neben der Verstärkung von interkulturellen Beziehungen, der Bekämpfung von Islamfeindlichkeit und Rechtsextremismus zielte das Programm auch auf eine Immunisierung von Muslimen gegen islamistische Eindeutigkeitsangebote. Zum Programm gehörten gleichfalls gezielte Interventionen, die bei gefährdeten Personen ein Fortschreiten der Radikalisierung unterbinden sollten.

Auch in Deutschland hat man mittlerweile erkannt, dass Präventionsarbeit einen wichtigen Beitrag gegen die Radikalisierung junger Menschen leisten kann. Vorreiter ist unter anderen das Bundesland Nordrhein-Westfalen, das im März vergangenen Jahres das Programm „Wegweiser“ implementierte. Mittlerweile gibt es in vier Städten Büros, in denen Lehrkräfte, Sozialarbeiter ,aber auch Angehörige von Radikalisierten Beratung und Unterstützung finden können. Darüber hinaus bietet das Programm Hilfen für Aussteiger an, die direkt vom Innenministerium verantwortet werden. Neben den Ländern hat auch der Bund eigene Maßnahmen aufgelegt. Das Förderprogramm „Demokratie leben“ stellt für Träger der Radikalisierungsprävention insgesamt 40 Millionen Euro zur Verfügung.MK

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag