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MoscheEN
Annette Sach
Mehr Glaubensfrage als Bauprojekt

Ihr Bau ist oftmals heftig umstritten – aber das muss nicht so sein

Derzeit ist die Zentralmoschee in Köln vor allem wegen ihrer über 2.500 Baumängel in den Schlagzeilen. Als das Moscheeprojekt im Jahr 2007 vorgestellt wurde, entbrannte ein heftiger Streit um die Frage, ob das fünfstöckige Gebäude mit der 37 Meter hohen Kuppel und den zwei 55 Meter hohen Minaretten Ausdruck einer „Gigantonomie“ sei, wie der Publizist Ralph Giordano damals sagte. Er kritisierte im „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass der Bau angesichts einer gescheiterten Integration „ein falsches Bild von den wahren Beziehungen zwischen muslimischer Minderheit und Mehrheitsgesellschaft“ entwerfe. Was folgte, war eine emotionale Diskussion im deutschen Feuilleton, die deutlich machte, dass noch immer umstritten ist, welcher Platz Moscheen hierzulande zugestanden wird. Die öffentlichen Gebäude mit sakralem Charakter wecken bis heute höchst unterschiedliche Gefühle: während Kuppel oder Minarett für die einen signalisieren, dass der Islam gleichberechtigt gelebt werden kann, assoziieren andere damit noch immer etwas Fremdartiges. Moscheenkonflikte, stellt daher der Politikwissenschaftler Claus Leggewie fest, seien „hochbrisante symbolische Anerkennungskonflikte“, bei denen es kein „Mehr-oder-weniger“, sondern nur ein „Entweder-oder“ gebe. Vordergründig geht es dabei um Parkplätze und Baubauungspläne. Größtenteils lassen die Proteste aber Stereotype und Vorurteile zum Vorschein kommen. Ein Phänomen, das auch in anderen europäischen Ländern wie der Schweiz zu beobachten ist, wo nach einer Volksabstimmung im Jahr 2009 das Verbot des Baus von Minaretten in der Bundesverfassung verankert wurde.

Lange Zeit wurde der Moscheenstreit nicht offen ausgetragen, denn die meisten Muslime trafen sich und beteten in – so genannten nicht klassischen Moscheen – Gebets- und Versammlungsräumen in Hinterhöfen und Industrievierteln, von denen es laut Islamarchiv in Deutschland rund 2.660 gibt. Sie wurden zumeist von Moscheevereinen ganz unterschiedlicher nationaler und religiöser Couleur eingerichtet. Nur 143 Gotteshäuser in Deutschland gelten als „klassische“ Moscheen mit Kuppel und Minarett. Je stärker sich muslimische Gemeinden aber organisierten, umso mehr wuchs auch der Wunsch für die zweitgrößte deutsche Religionsgemeinschaft, eine neue Art von öffentlichen Räumen für ihren Glauben zu finden. Neben den zahlreichen Beispielen für heftige Konflikte um den Bau neuer Moscheen, gibt es auch positive Beispiele wie das Islamische Forum in der bayerischen Gemeinde Penzberg. Der moderne Bau des Architekten Alen Jasrevic gilt nicht nur als Bauwerk als stilgebend. Auch die Planungsphase und die Kommunikation zwischen Stadt, Bürgern und Bauherrn könnte Vorbild für andere Moscheebauprojekte sein. Jasrevic hat dafür ein Rezept: „Die islamischen Gemeinden müssen den längst überfälligen Generationswechsel vollziehen, ihr Vorhaben vertreten und die Befürchtungen der Bevölkerung ernst nehmen.“

Aus Politik und Zeitgeschichte

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