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Kurz rezensiert

Bedrohen politisch einflussreiche Journalisten die Demokratie in Deutschland? Im Prinzip Ja, meint Professor Thomas Meyer, Chefredakteur der renommierten Zeitschrift "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte". Die Diskussion über die Unbelangbarkeit von Journalisten wäre längst in aller Munde, merkt der Autor an, hätte sie nicht der viel zu frühe Tod eines Alpha-Journalisten im Keim erstickt: Erst Frank Schirrmachers schonungslose Analyse dieses Phänomens hatte Meyer zu seinem Essay bewegt. In einem seiner letzten Artikel hatte der frühere Feuilleton-Chef der FAZ im März 2014 auf die wachsende Tendenz zu einem "journalistischen Übermenschentum" hingewiesen. Schirrmachers Kernthese lautete: Die "Großjournalisten" missbrauchen ihr Publikationsprivileg, um im politischen Prozess als "Großinquisitoren" mitzumischen und mitzuregieren anstatt sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren.

In seinem herausragenden Essay beschreibt Thomas Meyer ausführlich, wie die "destruktive Selbstüberschätzung eines maßgeblichen Teils der politischen Journalisten" das Zusammenwirken zwischen Politik und Gesellschaft verändert. Mit Hilfe bekannter aktueller Fallbeispiele (der Wahlkampf des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbruck, der Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff u.a.) analysiert der Autor das Veröffentlichungsmonopol der Schlüsseljournalisten. Erfolgreiches Networking und das "Mainstreaming" (Homogenisierung) des journalistischen Feldes als Folge der Konzentration des Medienmarktes verschärften die Entwicklung. Massenmedien würden nur noch ein verzerrtes Bild der politischen Welt darstellen und das Politische durch die Fokussierung auf Gezänk, Geschacher und spektakuläre Effekte entpolitisieren.

Meyers Fazit lautet: Auf Dauer kann es nicht gutgehen, wenn ausgerechnet jene Gewalt, die auf alle politische Prozesse einwirken kann, den Status der prinzipiellen Unbelangbarkeit innehabe. Die erschlaffende Demokratie brauche eine "Erneuerung des demokratisch-kulturellen Mandats des politischen Journalismus".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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