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BERUFSEINSTIEG
Annette Rollmann
Weniger Azubis

Kleine Betriebe bilden seltener aus. Aber weniger Jugendliche haben keinen Ausbildungsplatz

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Deutschland sinkt. Im vergangenen Jahr ging ihre Zahl um 1,4 Prozent auf 522.232 zurück. Vor allem kleine Betriebe bilden seltener aus als früher. Der Rückgang an betrieblichen Ausbildungsverträgen ist unter anderem auf den zunehmenden Wettbewerb um die ebenfalls sinkende Zahl von Bewerbern, auf verstärkte Passungsprobleme sowie eine potenziell höhere Attraktivität von größeren Ausbildungsbetrieben zurückzuführen. Gleichzeitig sank aber auch die Zahl derer, die keinen Ausbildungsplatz erhielten, gegenüber dem Vorjahr um 0,8 Prozent. Dies geht aus dem Berufsbildungsbericht der Bundesregierung hervor, über den der Bundestag am vergangenen Donnerstag debattierte.

So unterschiedlich die Befunde des Berichts sind, so unterschiedlich interpretierten sie Vertreter der Regierungskoalition und der Opposition. Während Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die Lage am Ausbildungsmarkt positiv bewertete und betonte, "dass sich aus Sicht der Jugendlichen die Situation weiter verbessert" habe, warf ihr die Opposition "Schönfärberei" vor. Die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Rosemarie Hein, sagte, die Ministerin spreche von "leichten Verbesserungen auf dem Ausbildungsmarkt für Jugendliche, obwohl sie wieder einen Rückgang bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen konstatieren muss". Es sei eine komische Logik, dies als Erfolg zu feiern.

Unions- und SPD-Abgeordnete hingegen bezeichneten die Anstrengungen, möglichst jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu verschaffen, als Erfolg. Zudem lobten sie das duale Ausbildungssystem in Deutschland, das auch im Berufsbildungsbericht als "wesentlicher Pfeiler der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und zentral für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft" bezeichnet wird.

20.000 neue Plätze Ministerin Wanka kündigte an, die Regierung werde in wenigen Wochen eine Ausschreibung für ein spezielles Programm starten, das die Ausbildungsbereitschaft der kleinen Betriebe erhöhen solle. Aber auch die Wirtschaft soll stärker als bisher mit zur Verantwortung gezogen werden. In Zusammenarbeit mit der Bundesregierung, den Ländern und den Gewerkschaften sollen mit der neuen Allianz für Aus- und Weiterbildung 20.000 zusätzliche Ausbildungsplätze im Jahr 2015 zur Verfügung entstehen, heißt es im Berufsbildungsbericht.

Die Linksfraktion überzeugt dies jedoch nicht. Die Wirtschaft mache zwar immer wieder Versprechungen, tatsächlich stelle sie aber zu wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung: "Selbstverpflichtungen der Wirtschaft hatten wir in den letzten Jahren wahrlich genug, sie haben nichts geholfen", monierte Hein. Aber auch die Ausbildungsqualität, so fordert ihre Fraktion in einem Antrag (18/4931), soll durch gesetzliche Vorgaben verbessert und künftig im Berufsbildungsbericht thematisiert werden.

Ausbildungsgarantie Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) stieß ins gleiche Horn: Eine Viertelmillion junger Menschen sei bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz in diesem Jahr leer ausgegangen und im sogenannten Übergangssystem gelandet, während die Wirtschaft gleichzeitig über Fachkräftemangel klage. "Wer all diese Menschen als versorgt bezeichnet, der ist entweder ahnungslos oder verantwortungslos", kritisierte die Abgeordnete. Union und SPD hätten das im Koalitionsvertrag gemachte Versprechen einer Ausbildungsgarantie nicht gehalten. "Wo ist sie denn, die Ausbildungsgarantie, wir haben sie nicht gefunden", schimpfte die Parlamentarierin. Die Grünen fordern in einem Antrag (18/4938) ausdrücklich die Garantie auf eine Berufsausbildung mit anerkanntem Abschluss ab dem Ausbildungsjahr 2016.

Weitgehend einig waren sich alle Fraktionen in der Forderung, die berufliche und akademische Ausbildung gesellschaftlich als gleichwertig zu bewerten. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer sagte: "Wir müssen das Bild zurechtrücken, dass nur das Studium einen vernünftigen Job und ein vernünftiges Einkommen garantiert." In einem von CDU/CSU und SPD gemeinsam eingebrachten Antrag
(18/4928) heißt es: "Entscheidend für die Zukunft ist die Durchsetzung der Gleichwertigkeit der beruflichen und der akademischen Bildung." Auch die Grünen-Abgeordnete Walter-Rosenheimer teilte im Grundsatz diesen Gedanken. Zugleich mahnte sie, es sei mehr politische Unterstützung nötig, um die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung durchzusetzen.

Studienanfänger Folgt man dem Berufsbildungsbericht, so steht die berufliche Ausbildung in einem zunehmenden Wettbewerb mit den Hochschulen um Nachwuchskräfte. So ist die Zahl der beruflichen Ausbildungsverhältnisse in den letzten Jahren gesunken, während die Zahl der Studienanfänger in Deutschland in der gleichen Zeit stark gewachsen ist und sich nun auf hohem Niveau stabilisiert. Die Studienanfängerquote lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes seit dem Jahr 2011 bei über 50 Prozent, im Jahr 2013 bei 53,1 Prozent und im Jahr 2014 bei 57,3 Prozent. Der SPD-Abgeordnete Willi Brase wies die Kritik der Linksfraktion zurück. Ihre Darstellung der Ausbildungssituation stimme "in Teilen nicht mit der Realität überein". Gleiche Bildungschancen bezeichnete Brase als zentrales Ziel: "Für uns ist der Aufstieg für alle, egal, wo sie herkommen, ein absolutes Muss, und davon gehen wir auch nicht einen Millimeter runter." Die Durchlässigkeit des Bildungssystems sei "der absolut richtige Weg", um die Stärke des Industriestandortes Deutschland zu erhalten und jungen Menschen eine gute Ausbildung anzubieten". Entschieden wandte er sich gegen Pläne aus der Wirtschaft, im dualen System zertifizierte Teilqualifikationen einzuführen. "Mit der SPD wird es eine solche Modularisierung der dualen Berufsausbildung nicht geben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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