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GESUNDHEIT
Claus Peter Kosfeld
Bittere Pille für Gröhe

Die »Pille danach« wird künftig rezeptfrei

Für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) war die Nachricht aus Brüssel sicher wenig erfreulich. Er hätte die „Pille danach“ gerne in der Rezeptpflicht behalten, aber die EU-Kommission entschied Anfang Januar, die Notfallverhütung mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat (Handelsname „ellaOne“) freizugeben. So blieb Gröhe keine Wahl, als nachzuziehen, weshalb künftig beide gängigen Wirkstoffe, also auch das schon länger verfügbare Levonorgestrel (LNG), rezeptfrei zu haben sein werden. Die Fachwelt ist sich weitgehend einig, dass mit LNG ein gut erforschter Wirkstoff ohne unerwünschte Nebenwirkungen zur Verfügung steht. Nur die Ärzte sehen in der Vergabe ohne fachkundige Beratung ein Risiko für Frauen. Befürworter verweisen darauf, dass es bei einer fehlgeschlagenen Verhütung vor allem auf Zeit ankomme und der direkte Weg in die nächste Apotheke oft der kürzeste sei. Die Opposition hatte der Regierung seit längerem Druck gemacht und Anträge eingebracht mit dem Ziel, LNG freizugeben, die im Gesundheitsausschuss auch auf Drängen der SPD lange hinausgeschoben und vergangene Woche im Bundestag abgelehnt (18/1617; 18/2630; 18/492) oder für erledigt erklärt (18/303) wurden.

Nachdem nun die Entscheidung auf EU-Ebene gefallen ist, reklamierten in der Debatte alle Fraktionen einen politischen Erfolg für sich. Karin Maag (CDU) verkündete, es sei der Union immer nur um gleiche Rahmenbedingungen für die Pillen gegangen. Das Ringen dafür habe sich gelohnt. Martina Stamm-Fibich (SPD) erklärte, ihre Fraktion habe 2012 als erste die Freigabe der Pille verlangt und sprach von „einem Erfolg unserer Hartnäckigkeit“. Die Opposition reagierte mit Spott. Der „plötzliche Erkenntniszuwachs“ Gröhes sei „nicht vom Himmel gefallen“, befand Kathrin Vogler (Linke), und Ulle Schauws (Grüne) assistierte: „Die EU-Kommission musste den Minister erst zur Vernunft zwingen.“

Einigkeit besteht darin, dass junge Frauen die Pillen weiter kostenfrei bekommen sollen, obwohl rezeptfreie Medikamente von den Kassen eigentlich nicht erstattet werden. Die Grünen schlagen in einem Gesetzentwurf (18/3834) vor, die Frauen wählen zu lassen: entweder Beratung, Rezept und ein kostenloses Medikament, oder die Pille in der Apotheke selbst kaufen. Auch die Koalition will mit einer gesetzlichen Ausnahmeregelung erreichen, dass rezeptfreie Notfallkontrazeptiva für Frauen unter 20 Jahren kostenlos bleiben. Daneben sollen, wie Maag sagte, Apotheken eine „standardisierte Beratung“ anbieten. Mit der Freigabe beider Medikamente über eine geänderte Verordnung sei Anfang März zu rechnen. 

Aus Politik und Zeitgeschichte

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