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GeDENKEN
Helmut Stoltenberg
»Deutsche Identität«

Aus der Vergangenheit lernen: Auf der Gedenkveranstaltung des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus wirbt Bundespräsident Joachim Gauck für Mitmenschlichkeit und eine solidarische Gesellschaft

Manche Sätze können sich tief in das kollektive Gedächtnis eines Landes einprägen. Das gilt etwa für den Satz „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, den 1985 der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs sagte.

Vergangene Woche, 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee, sagte das heutige Staatsoberhaupt Joachim Gauck bei der Gedenkveranstaltung des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus auch so einen Satz, der noch vielfach zitiert werden dürfte: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“ Er erteilte damit nicht nur jedweden „Schlussstrich“-Rufen eine Absage. Dass der von Deutschen in deutschem Namen begangene Völkermord mit Auschwitz als „Symbol“ nicht von diesem Namen abzukoppeln ist, bündelt dieser Satz ebenso wie die daraus folgende Verantwortung. „Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes“, fügte der Präsident hinzu. Und: „Hier ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo.“

Doch wie sieht diese Verantwortung aus? Der Bundespräsident verwies auf den Auschwitz-Überlebenden und späteren Richter am Internationalen Gerichtshof, Thomas Buergenthal, der einmal gefragt habe, was die Losung „Nie wieder“ – das „zentrale Versprechen nach Auschwitz“ – wert sei angesichts der späteren Völkermorde in Kambodscha, in Ruanda, in Darfur. Ergänzend nannte Gauck das Massaker in Srebrenica sowie „heute Syrien und Irak“. Auch wenn „hier die Verbrechen nicht die Dimension nationalsozialistischen Mordens erreichten und erreichen“, sei es doch „schrecklich entmutigend (...), wenn die Welt ,Nie wieder‘ erkläre, aber ,die Augen von dem nächsten Genozid‘ verschließe“, zitierte der Bundespräsident Buergenthal, um nachzufragen: „Sind wir denn bereit und fähig zur Prävention, damit es gar nicht erst zu Massenmorden kommt? Sind wir überhaupt imstande, derartige Verbrechen zu beenden und sie zu ahnden? Fehlt manchmal nicht auch der Wille, sich einzusetzen gegen solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit?“

»Innerer Kompass« Weil man nicht allmächtig sei, „haben wir zu leben mit der Bürde, das Leben von Menschen nicht immer und überall schützen zu können“, gab Gauck eine Antwort auf seine Fragen. Auch wenn sich nicht „das ,Nie wieder‘ gänzlich erfüllen“ werde, bleibe es „als moralisches Gebot, als innerer Kompass“ unverzichtbar, fügte er hinzu. Das Streben nach einem friedlichen und gerechten Zusammenleben von Menschen und Völkern sei „wohl die wichtigste Richtschnur unseres Handelns“.

Dann richtete der Bundespräsident den Blick auf das Einwanderungsland Deutschland. „Der Holocaust als Menschheitsverbrechen – diesen Weg der Annäherung haben auch Eingewanderte, selbst wenn sie sich nicht oder noch nicht als Deutsche fühlen“, sagte er. Dieser Weg sei nicht immer leicht. Manche Einwanderer kämen aus Ländern, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel verbreitet sind. „Wo derartige Haltungen bei Einwanderern nachwirken und die Wahrnehmung aktueller Ereignisse bestimmen, haben wir ihnen beharrlich die historische Wahrheit zu vermitteln und sie auf die Werte dieser Gesellschaft zu verpflichten“, mahnte das Staatsoberhaupt.

Alle, die Deutschland ihr Zuhause nennen, trügen Verantwortung dafür, welchen Weg das Land gehen wird, unterstrich Gauck. Zugleich zitierte er eine junge Frau aus einer Einwandererfamilie mit den Worten, sie habe keine deutschen Vorfahren, werde aber deutsche Nachfahren haben, die sie zur Rechenschaft ziehen würden, „wenn heute Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf unserem Boden ausgeübt werden“. Hier sei, konstatierte Gauck, „jemand eingetreten in eine Verantwortungsgemeinschaft, die nicht aus einer Erfahrungsgemeinschaft herrührt. Aber wir finden uns wieder in einem gemeinsamen Willen.“

»Moralische Pflicht« So lange er lebe, werde er „darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war“, bekannte Gauck. Gleichwohl könne man „nach den dunklen Nächten der Diktatur, nach Schuld und Scham und Reue ein taghelles Credo“ formulieren. „Wir taten es, als wir dem Recht seine Gültigkeit und Würde zurückgaben. Wir taten es, als wir Empathie mit den Opfern entwickelten. Und wir tun es heute, wenn wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten.“ Die „moralische Pflicht“ erfülle sich nicht nur im Erinnern, betonte der Bundespräsident und rief dazu auf, Mitmenschlichkeit und die Rechte jedes Menschen zu bewahren und zu schützen – ein Auftrag, der sich aus dem Erinnern ergebe. Dies sage er „gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet und wo Solidarität gelebt wird.“

Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) forderte, „historische Verantwortung“ anzunehmen. Er verwies zu Beginn der Gedenkveranstaltung darauf, dass man in einer Welt lebe, „die uns tagtäglich von neuem vor Augen führt, was der Mensch dem Menschen antun kann“. „Wir sehen furchtbares Leid, teils bestialische Gewalt, und wir müssen uns fragen, wie wir ihr begegnen, wie wir mit den Menschen umgehen, die dieser Hölle entfliehen und Schutz bei uns suchen“, sagte Lammert. Der Tag des Gedenkens an die NS-Opfer erinnere an eine hoffnungslose Zeit, könne aber „Anlass für Hoffnung“ sein, „indem wir uns im Bewusstsein unserer historischen Verantwortung den drängenden humanitären Herausforderungen der Gegenwart stellen“.

Der Parlamentspräsident nannte Auschwitz den „Ort eines historisch beispiellosen, industrialisierten Völkermords“, der am 70. Jahrestag der Befreiung besonders ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücke. Darüber vergesse man aber nicht „das Netz von Lagern, das die Nationalsozialisten über Europa spannten, die enthemmte Brutalität bei der Unterwerfung großer Teile des Kontinents mit Hinrichtungen, Massenerschießungen, der Einrichtung von Ghettos und gnadenloser Hungerblockade“. Zugleich erinnerte Lammert daran, dass diesem „europaweiten Vernichtungskrieg in Deutschland bereits früh die schrittweise Ausgrenzung eines Teils der Bevölkerung“ vorausgegangen war – „für alle sichtbar, die sehen wollten“.

Für die Vergangenheit Deutschlands seien die Nachgeborenen nicht verantwortlich, wohl aber für den Umgang mit ihr, mahnte der Bundestagspräsident im Plenum. Der Opfer zu gedenken und die Täter und ihre Taten zu benennen, sei eine Bedingung, um „im staatlichen Auftrag konzipierte und organisierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder geschehen zu lassen – nirgendwo, an keinem Platz der Welt“. (Die Rede im Wortlaut in der Beilage „Dokumentation“) 

Aus Politik und Zeitgeschichte

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