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Ortstermin: Planspiel im DEutschen Bundestag
Jonathan Josten
Wenn der Frieden in der Koalition bricht

„Wer stimmt für den Änderungsantrag?“, fragt Volker Wagner. Auf der rechten Seite des Raumes heben sie die Hände. „Wer stimmt gegen den Änderungsantrag?“ Etwa zwei Drittel im Raum heben die Hände, von der Mitte bis ganz nach links. Wagner guckt verwundert in die Runde. Zu den Koalitionsfraktionen sagt er: „Ihr habt einen Änderungsantrag in das Plenum gebracht, bei dem ihr nicht mal in euren eigenen Reihen die Mehrheit habt?“

Seit neun Uhr morgens sind die Schüler der Berliner Clay-Schule in den Räumen des Paul-Löbe-Hauses, dort, wo in Sitzungswochen die Ausschüsse des Deutschen Bundestags tagen. Sie sind hier, um Parlament zu spielen. Dafür schlüpfen sie in die Rollen von Abgeordneten. Seit elf Jahren organisiert der Besucherdienst des Bundestags das Planspiel. Seitdem haben etwa 35.000 Schüler daran teilgenommen. Wagner, der gemeinsam mit Reinhardt Steinhausen die Parlamentssimulation leitet, hängt vor die Räume Schilder, auf denen ungewöhnliche Abkürzungen stehen: CVP, AFP, ÖPD oder PSG. Die Schüler-Fraktionen sollen nicht mit den echten Fraktionen verwechselt werden. Ansonsten versucht der Besucherdienst, das Planspiel möglichst realistisch zu gestalten.

Das geht schon beim Thema los: Die Zwölftklässler beraten über einen Gesetzesvorschlag der Regierung, der die Anonymisierung von Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen des Bundes vorsieht. Nationalität, Geburtsort, Geburtsdatum und das Lichtbild sollen nicht mehr in den Bewerbungen auftauchen. Jeder Schüler wird einer Fraktion zugelost, streng nach den realen Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. „Sie werden mit Mitschülern eine Fraktion bilden, mit denen Sie normalerweise keine Schulhofzigarette teilen würden“, sagt Wagner.

In dem Ausschuss Arbeit und Soziales fordern die Abgeordneten der grünen ÖPS, auch den Name des Bewerbers und seine Adresse zu anonymisieren. Diese Daten könnten Rückschlüsse auf die soziale Herkunft des Bewerbers ermöglichen. Auch das Geschlecht soll raus aus den Bewerbungen. Die Abgeordneten der stärksten Fraktion, der CVP, sind sich nicht einig. „Dann geht halt alles weg aus der Bewerbung“, sagt Ali Erkan von der CVP. „Unterstützen wir doch einfach den Arbeitnehmer.“ So fließen alle Oppositionsforderungen in die Beschlussempfehlung des federführenden Innenausschusses. Das gefällt nicht allen aus der konservativen CVP. Per Änderungsantrag versucht die Fraktion, wenigstens die Geschlechteranonymisierung noch zu verhindern. Doch ihr Koalitionspartner, die Arbeiterpartei APD, stellt sich quer. Es wird hektisch. Die Fraktionsvorsitzende der APD will den Koalitionsfrieden retten und spricht sich schließlich für den Änderungsantrag aus. Im Plenum ist es mit dem Koalitionsfrieden aber vorbei. Jannis Lampertius (AFP) kritisiert den Kompromiss, wirbt gegen die Geschlechtsangabe und stößt seine Parteiführung vor den Kopf. Viele seiner Genossen folgen ihm und stimmen gegen den Antrag. Die CVP steht alleine da.

„Dieses Ergebnis wäre ein politischer Skandal“, sagt Wagner. Positiv sieht er, dass die meisten Schüler mit viel Motivation an das Planspiel herangehen. Für den Lehrer der Schüler, Marcus Sonntag, hat sich der Exkurs gelohnt: „Es ist normal, dass viele Jugendliche noch Schwierigkeiten haben, über ihre individuelle Perspektive hinauszublicken. Bei dem Planspiel können sie das spielerisch erlernen“. 

Weitere Informationen zum Planspiel im Internet auf: www.bundestag.de/besuche/kinderundjugendliche

Aus Politik und Zeitgeschichte

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