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Ortstermin: Preisträger »Jugend debattiert International«
Sören Christian Reimer
»Am Ende habe ich mir sogar selbst geglaubt«

Eigentlich sollte Anastasija Minitš aus Estland gar nicht debattieren. Sie war nur als Ersatz vorgesehen. Doch der ursprünglich vorgesehene Teilnehmer fiel aus. Plötzlich war sie im Rennen von „Jugend debattiert international“. Die 17-Jährige aus Tallinn (Reval) brillierte bei den Wettbewerben in ihrem Heimatland und qualifizierte sich als Zweitplatzierte für das große Finale, das vergangenen Oktober in Warschau stattfand. Eine Woche diskutierte die Schülerin vom Deutschen Gymnasium Tallinn mit 15 Mitstreitern aus Mittel- und Osteuropa. In der abschließenden Debatte hieß die Frage dann: „Sollen extremistische Parteien verboten werden?“ Anastasijas Argumente und ihr Stil überzeugten. Sie setzte sich durch und gewann den Wettbewerb.

Unter den 200 Zuhörern im Konferenzzentrum des Museums der Geschichte der polnischen Juden freute sich auch Ehrengast und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) mit der jungen Estin. Roth lud Anastasija und ihre drei Mitstreiter in der Finalrunde, Regina Bartha und Júlia Pocze aus Ungarn sowie Ivan Michna aus Tschechien, zu einem Besuch des Deutschen Bundestags nach Berlin ein. Vergangene Woche war es soweit. Gemeinsam mit dem letztjährigen Sieger des deutschen „Jugend Debattiert“-Wettbewerbs, Benjamin Hilprecht (18) aus Staßfurt in Sachsen-Anhalt, erkundeten die Jugendlichen die Hauptstadt. Auch ein Mittagessen mit Roth stand auf dem Programm der Debattiertalente.

Organisiert wird der internationale Wettbewerb vom
Goethe-Institut, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, der Hertie-Stiftung sowie der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen. Im Schuljahr 2013/2014 nahmen mehr als 1.900 Schüler von 140 Schulen aus acht Ländern teil. „Jugend debattiert“-Leiter Ansgar Kemmann von der Hertie-Stiftung betont, dass es dabei nicht nur um den Spracherwerb gehe, sondern auch darum, die Urteilsfähigkeit zu schärfen und die Meinungsbildung anzuleiten. Die jungen Leute sollten auch lernen, ihre Bürgerrolle wahrzunehmen.

Bei den Teilnehmern kommt das offenbar an. Die vier Preisträger, die alle seit mehreren Jahren Deutsch lernen, berichten, dass sich ihre Sprachfähigkeiten deutlich verbessert hätten. „Am Anfang war das schon schwer“, erzählt Ivan. Wenn man die rhetorischen Techniken und Wendungen lerne, werde es ab leichter, sagt der 19-jährige Abiturient aus Prag.

Júlia beeindruckte die Erfahrung, sich mit anderen Standpunkten auseinanderzusetzen. Bei einer ihrer Debatten musste sie sich zum Beispiel für Obdachlosenregelungen einsetzen, die sie selbst eigentlich ablehnt. Mit Erfolg: „Am Ende habe ich mir sogar selbst geglaubt“, erinnert sich die 17-Jährige.

Die 18-jährige Regina Bartha aus Budapest erzählt, sie habe zunächst Angst gehabt, vor so vielen Menschen zu reden. Doch als es so weit war, habe sie gar kein Lampenfieber mehr gehabt, sagt die Abiturientin.

„Sehr begeistert“ von den Redekünsten der Rhetoriktalente ist auch Vizepräsidentin Roth. Es sei beeindruckend, wie sich die Jugendlichen mit den schwierigen Fragestellungen auseinandergesetzt hätten, sagte die Vizepräsidentin. Der Wettbewerb sei ein gutes Training, um sich mit anderen Argumenten und Standpunkten auseinanderzusetzen. Von der engagierten Debattenkultur könnten auch die Bundestagsabgeordneten in Berlin etwas lernen, unterstrich die Grünen-Politikerin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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