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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Früher war alles besser

Ich bin noch keine 60 und ich bin auch nicht nah dran. Und erst dann möchte ich erzählen, was früher einmal war“, sangen „Die Toten Hosen“. Hugo Egon Balder, gern als Urgestein des deutschen Unterhaltungsfernsehens tituliert, ist inzwischen

65 Jahre alt und redet sehr gerne darüber, was früher einmal war. „Früher“, so verkündete er in einem Interview mit dem „Stern“, „hatten wir Sex, Drugs and Rock’n‘Roll. Heute haben wir Rauchverbot, Frauenquote, Laktoseintoleranz.“ Ein neuer Puritanismus greife um sich, kritisierte er. Und weil früher eben alles besser war, kehrt Balder mit seiner neuen Talkshow „Der Klügere kippt nach“ gleich zu den Wurzeln der Fernsehgeschichte zurück. Live aus einer Kneipe auf Sankt Pauli will er sich bei Bier und Schnaps mit seinen Gästen entspannt – und im Verlauf der Sendung vielleicht auch enthemmt – dem launigen Tresengespräch hingeben.

War da was? Genau! Schon Anfang der 1950er Jahre köpfte Werner Höfer Sonntag für Sonntag in seinem „Internationalen Frühschoppen“ zusammen mit Journalisten aus aller Welt solche Unmengen an Weinflaschen, als fürchteten sie eine kommende Prohibition. Zu allem Überfluss qualmte die illustre Runde das Fernsehstudio dermaßen mit Zigaretten- und Pfeifenrauch zu, dass man sich allein beim Zuschauen ein Lungenkarzinom hätte einhandeln können.

Bleibt abzuwarten ob Balder genügend trinkfeste Gäste findet. Die Generation der Rock’n’Roller ist mit Joschka Fischer ja angeblich aus dem Rampenlicht getreten und Rainer Brüderle wird es sich zweimal überlegen, ob er sich vor laufender Kamera noch einmal zu einem Gespräch über Sex and Drugs an der Bar hinreißen lässt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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