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Gastkommentare - Contra
Hans Monath
Die Krise als Chance

Zerbricht die EU an der Flüchtlingskrise?

Es fehlt an Eur opa und es fehlt an Union", hat Jean-Claude Juncker kürzlich geklagt. Der EU-Kommissionspräsident bestätigte damit all jene Schwarzseher, die im Streit um die Verteilung von Flüchtlingen die Grundwerte der EU untergehen sehen. Ohne Solidarität, so warnen sie, wird die Gemeinschaft zerbrechen. Doch für einen Abgesang auf das große Projekt gibt es keinen Grund. Die Krise ist der Normalzustand Europas und hat die EU oft vorangebracht. Die Finanzkrise hat den Konstruktionsfehler der gemeinsamen Währung offen gelegt; deshalb sind nun Schritte hin zu einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik nötig. Die Flüchtlingskrise zeigt nun, dass trotz gemeinsamer Werte und Gesetze viele EU-Staaten völlig unterschiedlich mit Asylbewerbern umgehen, was gemeinsame Standards nötig macht. Vor allem sollten die Deutschen in dieser Debatte das eigene Handeln nicht absolut setzen. Sie haben allen Anlass, aus ihrer Geschichte eine besondere Verpflichtung zur Achtung der Menschenrechte abzuleiten.

Ein Recht, die eigene politische Kultur über die anderer europäischer Nationen zu stellen und von ihnen Anpassung an deutsche Standards zu fordern, erwächst daraus freilich nicht. Die Bundesrepublik hat sich ihr Selbstbewusstsein als Einwanderungsland über Jahrzehnte erarbeiten müssen, schmerzhafte Lernprozesse gehörten dazu. Gerade den jungen EU-Mitgliedern östlich von Deutschland fehlt diese Erfahrung; sie fühlen sich vom deutschen Öffnungskurs überfahren. Deshalb sollte man als Deutscher gerade dann über den eigenen Tellerrand schauen und europäische Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, wenn man nach gemeinsamen europäische Lösungen ruft.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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