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FILM
Katharina Dockhorn
Ein Euro macht vier

Das deutsche Fördersystem vergibt die Chance auf den ganz großen Fang

Tom Hanks und Robert Downey Jr. lösten in den vergangenen Tagen Kreischalarm in Berlin aus. Oscar-Gewinner Hanks kam zur Premiere von Tom Tykwers "Hologramm für den König", Downey jr. stellte gemeinsam mit Daniel Brühl "The First Avenger: Civil War" im Sony Center vor. Das Popcorn-Spektakel wurde am Premierenort, im Regierungsviertel, am ICC sowie am Flughafen Leipzig-Halle gedreht.

"Ich liebe Deutschland. Die Crew war fantastisch", schwärmt Regisseur Joe Russo. Steven Spielberg, Roland Emmerich, Roman Polanski, Quentin Tarantino und George Clooney lobten ebenfalls die Professionalität im Studio Babelsberg, den MMC Studios in Köln und den Leipziger MCA-Studios, sie fühlten sich willkommen in Görlitz, an der Ostsee, in "Sexy-Anhalt" (Helen Mirren) oder in den bayerischen Alpen und an den Skischanzen.

Weniger attraktiv Von der Begegnung mit Christopher Walken am Oberstdorfer Set von "Eddie, the Eagle" schwärmt Iris Berben noch heute. Für viele deutsche Stars stehen Rollen in Koproduktionen der Beginn einer internationalen Karriere. Erstmals werden diese Leistungen im Rahmen der Lola-Verleihung am 27. Mai mit dem "Jaeger-LeCoultre"-Sonderpreis gewürdigt. Doch die Willkommenskultur hat eine Delle. Der Deutsche Filmförderfonds (DFFF), seit 2007 Motor bei der Einwerbung internationaler Koproduktionen, hat an Attraktivität verloren. Der German Motion Picture Fond (GMPF) kann dies nicht ausgleichen. Bei der Wahl des Drehorts sind weniger das Renommee der Partner, die Qualität der Arbeit und die hervorragende Infrastruktur entscheidend. "Das wichtigste Kriterium ist das Förderregime", schreiben die Analysten von Roland Berger in ihrer Studie "Volkswirtschaftliche Effekte der Kinofilmproduktion in Deutschland". Das hiesige Fördersystem mit mehr als einem Dutzend nationalen und regionalen Institutionen ist zu kleinteilig und unübersichtlich. Die Bürokratie erhöht die Kosten. Ein wettbewerbsfähiges Fördersystem muss einfach strukturiert und berechenbar in der Förderhöhe sein.

Produzenten können beim DFFF mit vier Millionen Euro sicher kalkulieren. Jeder weitere Cent aus diesem Etat oder anderen Fördertöpfen muss von Gremien bewilligt werden. Runaway Productions, mit einem Budget von über 100 Millionen Dollar wie "Der Marsianer", die überall auf der Welt gedreht werden können, lassen sich so kaum anlocken. Oscar-Gewinner Ridley Scott ließ die rote Sandwüste für das Mars-Abenteuer in Budapest aufschaufeln

Selbst das Drama "The Coldest City", das in Berlin spielt, wurde in der ungarischen Hauptstadt gedreht. Das Land lockt ebenso wie Großbritannien, Malta oder Litauen mit "Tax Intentives", Steuerrabatten von bis zu 25 Prozent auf das Gesamtbudget. Der DFFF bietet höchstens 20 Prozent, bei zehn Millionen Euro Fördergeld ist jedoch Schluss. Das entspricht einem Gesamtbudget von rund 50 Millionen.

Wegen dieser Limitierung machen Großprojekte oft einen Bogen um Deutschland. Oder nur ein kleiner Teil der Produktion kommt hierher. Die Gebrüder Russos gaben hier 20 Millionen Euro an 15 Drehtagen aus. Zuvor waren sie mit der "Avengers"-Crew für 65 Tage im Studio in Atlanta. Für den Dreh des letzten Teils des Teenie-Franchise "Die Tribute von Panem" waren die Filmemacher 22 Tage lang in der Hauptstadtregion, 51 Tage drehten sie jedoch in den USA und in Frankreich.

Wenn in Deutschland gedreht wird, können die Postproduktionsbetriebe das Projekt abschreiben, klagt Christian Sommer, Geschäftsführer der Trixter Film GmbH, deren visuellen Effekte weltweit gefragt sind. Das deutsche Fördersystem behindert das Wachstum dieser Branche, in der Tausende hoch qualifizierter Arbeitsplätze entstehen könnten.

Kanada fördert diesen Teil der Filmherstellung mit bis zu 45 Prozent der Kosten und zieht damit Gesamtprojekte an. "Wir haben vergeblich versucht, den Dreh des 100 Millionen Dollar Projekts 'Pompeji' nach Berlin zu holen," bestätigt Martin Moszkowicz. Bei Ausgaben von rund 40 Millionen Euro für visuelle Effekte blieb die Crew im Studio in Übersee.

Auch die Etats von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der Länderfinanzminister würden bei der Förderung von hochbudgetierten Serien und Filmen mit Steuerrabatten Gewinn machen. Über direkte Ausgaben und Steuern fließt ein Vielfaches der Subventionssumme zurück. Dazu kommen die Sozialabgaben von Jobs, die sonst nicht entstanden wären. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war bei ihrem Besuch an der Glienicker Brücke positiv überrascht, dass die Crew von Spielbergs "Bridge of Spies" deutsch sprach. Beim "Homeland"-Dreh waren bis zu 700 deutsche Mitarbeiter beschäftigt. 45 Millionen Euro wurden in der Region ausgegeben und ein unbezahlbarer Marketing-effekt für die Stadt Berlin generiert.

Die positiven Aussichten belegt ein Vergleich der Finanzierung von nationalen und internationalen Filmproduktionen. Für die "Avengers" wurden bei vier Millionen Euro Förderung durch den DFFF 20 Millionen an den deutschen Drehorten ausgegeben. Auf jeden Euro Förderung kamen vier Euro Privatinvestitionen. Bei den einheimischen Filmproduktionen werden 50 Prozent der Kosten gefördert. "Die deutsche Kinofilmproduktion lebt von der Förderung - wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist", schreiben die Experten von Roland Berger.

Steuerrabatte Diese Förderung will niemand in Frage stellen. Aber ein Steuerrabatt-Modell würde das Fördersystem ergänzen und die Schärfung der Förderprofile vollenden, die Monika Grütters (CDU) begonnen hat. Die Kulturstaatsministerin hat die Kulturelle Filmförderung gestärkt und bei der Novellierung des Filmförderungsgesetzes die Balance zwischen der kulturellen und der wirtschaftlichen Komponente verteidigt. Deutschlands Technik- und Studio-Dienstleister brauchen zum Überleben und Wachsen stärkere Anreize als den chronisch überbuchten DFFF und den GMPF des Bundeswirtschaftsministeriums, dessen Etat von zehn Millionen Euro bereits im Sommer ausgeschöpft sein könnte. Ideal wäre ein One-Stop-Modell . Nach dem Bestehen des kulturellen Eignungstest für den DFFF würden automatisch Steuerrabatte folgen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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