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TÜRKEI
Susanne Güsten
Wut über »Merkels Rache«

Die Armenier-Entschließung des Bundestages wird in Ankara als politisches Signal gewertet

Für die türkische Regierung war der 2. Juni ein schwarzer Tag. Schon bevor der Bundestag die Gräuel an den Armeniern als Völkermord einstufte (siehe Texte unten), kochten die Emotionen am Bosporus wie auch in Deutschland hoch. Türkischstämmige Bundestagsabgeordnete, wie Sevim Dagdelen (Die Linke) und Grünen-Parteichef Cem Özdemir, erhielten Schmähbriefe und sogar Morddrohungen. Mehr als 500 türkische Organisationen in Deutschland verfassten ein Schreiben, in dem es unter anderem hieß: "Mehr als 90 Prozent der türkischen Bevölkerung lehnt zu Recht den Völkermordvorwurf ab und wertet ihn als Verleumdung." Der neue türkische Ministerpräsident Binali Yildirim bezeichnete die Resolution als "größte Beleidigung und Ungerechtigkeit, die man der Türkei und diesem Volk gegenüber machen kann". Er und Präsident Recep Tayyip Erdogan warnten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zwei Tage vor der Abstimmung am Telefon: Sollte der Bundestag die Resolution annehmen, würde das die Beziehungen beider Länder ernsthaft schädigen.

Reflexe Türkische Nationalisten sehen in der Resolution einen Reflex. Sie meinen, die Deutschen hätten Schuldgefühle wegen des Völkermordes an den Juden. "Sie wollen ihr eigenes Gewissen reinwaschen, indem sie die türkische Geschichte beschmutzen", sagte etwa der ehemalige Diplomat Sükrü Eledag der Tageszeitung "Sözcü". In Ankara schimpfte Ibrahim Kalin, Sprecher von Präsident Erdogan, der Bundestag mache sich der "politischen Ausbeutung" eines historischen Themas schuldig.

Savas Egilmez, der Chef des türkischen "Verbandes zur Bekämpfung der Haltlosen Völkermords-Behauptungen", strich besonders die Rolle von Grünen-Parteichef Cem Özdemir bei der Vorbereitung der deutschen Resolution heraus: Es sei bedauerlich, das ausgerechnet ein türkischstämmiger Politiker dabei eine führende Rolle spiele.

Egilmez' Verband fasst die offizielle Positionen der Türkei in der Armenier-Frage im Namen zusammen: Hinweise auf den Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern sind danach Lügen, einen gezielten Massenmord habe es nie gegeben. Laut offizieller Lesart hat das Osmanische Reich vor 100 Jahren gegen armenische Aktivisten vorgehen müssen, die sich mit den im Osten vorrückenden russischen Truppen verbündet hätten. Zwar streitet die türkische Führung nicht ab, dass es bei der Vertreibung der christlichen Minderheit viele Tote und auch Verbrechen gegeben hat. Doch habe es von Seiten der Behörden keine Tötungsabsicht gegeben. Außerdem seien in den Kriegswirren auch Hunderttausende muslimische Türken durch Krankheiten oder Hungersnöte umgekommen. Dass das Unrecht von damals so vehement bestritten wird und die Massaker jahrzehntelang ein Tabuthema in der Türkei waren, hängt mit der Selbstsicht der Türken zusammen. Das Osmanische Reich werde in der Türkei als Teil der eigenen Geschichte aufgefasst, erklärt der Münchner Historiker und Türkei-Experte Christoph K. Neumann. Deshalb träfen die Genozid-Vorwürfe die Türkei in ihrem Selbstverständnis "als historisch saubere Nation". Darüber hinaus fürchtet Ankara Gebietsansprüche Armeniens in Ostanatolien sowie mögliche Entschädigungsforderungen. Das Vorgehen des Osmanischen Reiches gegen andere nicht-muslimische Minderheiten - wie die der aramäischen Christen, die zusammen mit den Armeniern massakriert wurden - ist daher bis heute nicht aufgearbeitet.

Nur langsam und zögernd kam in den vergangenen zehn Jahren eine offenere Debatte über das dunkle Kapitel in Gang. Intellektuelle und Akademiker forderten einen ehrlicheren Umgang mit der eigenen Geschichte. Türkische Historiker, wie der in den USA lehrende Taner Akcam, konfrontierten ihre Landsleute mit Dokumenten und Beweisen für den Völkermord. Viel Unbewältigtes kam ans Licht - zum Beispiel die Lebensgeschichten von Türken, deren Vorfahren als Überlebende des Armenier-Genozids von türkischen Familien angenommen worden waren und die lange nichts von ihrer armenischen Abstammung wussten. Als die Anwältin Fethiye Cetin vor zehn Jahren ein Buch über ihre Großmutter schrieb, die als kleines Mädchen vor den Massakern gerettet worden war, ihre armenische Herkunft aber fast ihr ganzes Leben lang verheimlichte, erhielt sie eine Flut von Zuschriften von Lesern mit ähnlichen Familiengeschichten.

Türkische Rechtsextremisten reagierten mit Einschüchterung und Mord auf die neue Öffnung. 2005 stand der spätere Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk wegen "Beleidigung des Türkentums" vor Gericht, weil er von einem Völkermord gesprochen hatte. Am 19. Januar 2007 ermordeten Rechtsnationalisten den armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink auf offener Straße, weil dieser sich für eine Aufarbeitung der Geschichte eingesetzt hatte.

Unterdessen erhielt die Völkermords-These international immer mehr Zuspruch. Im Jahr 2001 erkannte Frankreich den Genozid öffentlich an. Als Papst Franziskus die Massaker an den Armeniern im vergangenen Jahr als ersten Völkermord des 20. Jahrhundert anprangerte, zog Ankara aus Protest vorübergehend den türkischen Botschafter aus dem Vatikan-Staat ab. Auf die gleiche Art hatte die Türkei in den vergangenen Jahren auf die Anerkennung des Genozids durch die EU-Mitglieder Österreich und Schweden reagiert. Die Parlamente in den Niederlanden, der Slowakei, Litauen und Italien verabschiedeten ebenfalls Völkermords-Resolutionen. In Deutschland sprachen Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im vergangenen Jahr ausdrücklich von einem Genozid.

Angesichts des wachsenden internationalen Konsenses entschloss sich Erdogan vor einigen Jahren zur Flucht nach vorne. Im Jahr 2005 schlug er die Einrichtung einer gemeinsamen türkisch-armenischen Historikerkommission vor. Die türkischen Archive stünden der Forschung offen, betonte er - doch Armenien wies die Vorschläge als Täuschungsmanöver zurück: Der Völkermord sei längst bewiesen.

Als erster türkischer Regierungschef kondolierte Erdogan den Opfern zum Armenier-Jahrestag im April 2014. Im Jahr 2009 unterzeichneten die Türkei und Armenien ein Abkommen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sowie die Öffnung der geschlossenen gemeinsamen Grenze. Allerdings ist das Abkommen bis heute nicht umgesetzt, weil Gegner der Aussöhnung in beiden Ländern mobil machten.

Trotz des zwischenzeitlichen Tauwetters ist es dabei geblieben, dass die Türkei internationale Bemühungen um eine Anerkennung des Völkermordes als Versuch betrachtet, das Land bloßzustellen und zu schwächen. Entsprechend scharf fallen die Reaktionen aus. Vor wenigen Wochen etwa intervenierte die Türkei gegen das dem Völkermord an den Armeniern gewidmete Konzertprojekt "Aghet" der Dresdner Sinfoniker.

»Politischer Knüppel« In der Türkei herrscht weitgehend Konsens darüber, dass das westliche Ausland die Armenierfrage als politischen Knüppel benutzt. Selbst Erdogan-kritische Journalisten wie der Kolumnist Yalcin Dogan bewerten die Bundestags-Resolution deshalb als "Rache" von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Die Kanzlerin, die der eigenen unwilligen Parteibasis die Aussicht auf visafreies Reisen für Türken in der EU zumute, wolle ihren Wählern mit einem Schritt gegen die Interessen der Türkei imponieren. Als gut gemeinter Appell zur Aufarbeitung der Geschichte wird die Bundestagsentschließung in Ankara von niemandem verstanden.

Die Autorin ist freie

Korrespondentin in der Türkei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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