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Ortstermin: Live-Dolmetschung in Gebärdensprache
Eva Bräth
Brücken schlagen zwischen Welten

Hochkonzentriert steht Christian Pflugfelder in einem Aufnahmestudio in München. Sein Blick ist auf den gegenüberliegenden Bildschirm gerichtet, über den der Plenarsaal des Deutschen Bundestages zugeschaltet ist. Sobald die Abgeordneten mit ihren Reden beginnen, legt auch er los. Der 42-Jährige wiederholt jedes Wort des Redners mit Mimik, Gestik und Mundlauten. Christian Pflugfelder ist Gebärdensprachdolmetscher und übersetzt die Debatten des Bundestages für gehörlose Menschen.

Seit September 2015 bietet das Parlamentsfernsehen des Bundestages sein Web-TV-Angebot auch mit Live-Gebärdendolmetschung und untertitelt an. Die Kernzeitdebatten zu den wichtigsten Themen der Sitzungswoche sowie Sonderveranstaltungen können live im Bereich "Gebärdensprache" der Bundestagswebseite abgerufen werden. Bereits am Folgetag sind die bearbeiteten Videos in der Mediathek abrufbar. Dort sind außerdem Videos zu Funktion und Arbeitsweise des Parlaments abrufbar, auch die Bundestagwahlen, die Gesetzgebung und der Haushalt werden erklärt. Dadurch soll gehörlosen und schwerhörigen Menschen die gleichberechtigte Teilhabe am politischen Leben und ein barrierefreier Zugang zu Information ermöglicht werden, so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention festlegt.

Pflugfelder hat seit der Einführung des Pilotsprojekts fast alle Kernzeitdebatten übersetzt. Erfahrung hat er davor durch die Übersetzung von Landtagsdebatten und Nachrichtensendungen gesammelt. Es mache ihm unglaublich Spaß, Bundestagsdebatten zu dolmetschen, weil er sich dann selbst mit den politischen Themen auskennen müsse und es viel Abwechslung gebe.

Dahinter steckt aber auch viel Vorbereitung, sagt der als Hörender mit Gehörlosen Eltern aufgewachsene Pflugfelder. Für jede Debatte studiert er zwei bis vier Stunden die zugehörigen Drucksachen, macht Onlinerecherchen zu den verschiedensten Themen und überlegt, wie sie gebärdensprachlich abgebildet werden können. Besonders Ländernamen, die im Alltag nicht gebräuchlich sind, wollen gut vorbereitet sein. Auch die Debatte zum Breitbandausbau im Mai hat er in besonderer Erinnerung. "Ein Redner hat alle technischen Raffinessen ausgeführt. Beschreibungen in Gebärdensprache funktionieren visuell, als Übersetzer muss man ein Bild vor Augen haben. Wenn man sich technisch nicht auskennt, kann das schwierig werden."

Seine Tätigkeit beschreibt er als ein Brücken schlagen zwischen der Welt der Gehörlosen und der Hörenden. "Es ist für mich sehr schön, einen Beitrag dazu zu leisten, dass Gehörlose an der politischen Willensbildung teilhaben können", erklärt er.

Auch Viktoria Schult, die die Gebärdendolmetschung des Parlamentsfernsehens koordiniert, zieht eine positive Bilanz des Pilotprojekts. Für die rund 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland "ist das eine gute Möglichkeit sich über das politische Geschehen direkt an der Quelle zu informieren", sagt sie. Es gebe eine positive Resonanz. "Alle Themen, die in der Öffentlichkeit großes Interesse finden, tun das auch unter den Gehörlosen", führt sie aus. Spitzenreiter in der Mediathek ist das Video zur Debatte über die Freihandelsabkommen TTIP und CETA - mehr als 2.000 Nutzer haben es aufgerufen.

Zusätzlich zur Webseite in Gebärdensprache bietet der Bundestag auch barrierefreie Information in leichter Sprache an. Mit den Angeboten auf der Webseite sowie der Beilage "Leicht erklärt" von "Das Parlament" sollen Kommunikationshürden für Menschen mit Behinderung abgebaut werden.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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