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GESCHICHTE
Ulrich Krökel
Eine Annäherung

Bundestagpräsident Lammert und Sejm-Marschall Kuchcinski eröffnen die Ausstellung "Polen und Deutsche - Geschichten eines Dialogs"

Marek Kuchcinski hatte sich Zeit gelassen mit seinem Antrittsbesuch in Berlin. Mehr als sechs Monate waren seit seiner Wahl im Herbst ins Land gegangen, bevor der neue Sejm-Marschall am letzten Mai-Tag in die Bundeshauptstadt reiste. Umso beeindruckter zeigte sich der polnische Parlamentspräsident, als er in der vergangenen Woche gemeinsam mit seinem Amtskollegen Norbert Lammert die Ausstellung "Polen und Deutsche - Geschichten eines Dialogs" eröffnete. "Es sind bewegende Augenblicke für mich", bekannte Kuchcinski. Zuvor hatten sich beide Parlamentspräsidenten zu einem Gedankenaustausch über das bilaterale Verhältnis beider Länder und die Zukunft der Europäischenh Union getroffen.

Der 60-jährige Sejm-Marschall gehört zu den frühesten Mitgliedern der 2001 gegründeten Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die von dem deutschlandkritischen Rechtspopulisten Jaroslaw Kaczynski geführt wird. Seit November 2015 regiert die PiS in Warschau mit absoluter Mehrheit. Seither gelten die bilateralen Beziehungen als angespannt. Lammert wertete den gemeinsamen Auftritt mit Kuchcinski vor diesem Hintergrund als "wichtiges Zeichen, welch großes Gewicht wir den Beziehungen unserer Länder beimessen".

Er begrüßte seinen Gast mit den berühmt gewordenen Worten des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der sich Zeit seines Lebens für die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen eingesetzt hatte: "Die heutige Generation ist nicht verantwortlich für das, was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber sie ist verantwortlich für das, was in der Zukunft daraus wird." Ebenfalls zitierte Lammert den zentralen Satz jenes Hirtenbriefes der katholischen Bischöfe Polens an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965, mit dem die Wiederannäherung 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begann: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Das Schreiben spielt auch in der Ausstellung eine herausragende Rolle.

Diese ist noch bis zum 17. Juni im Bundestag zu sehen - an diesem Tag jährt sich die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags von 1991 zum 25. Mal. Das Abkommen, das den Kalten Krieg im Herzen Europas beendete, gilt als historisch. Allerdings wäre der Durchbruch kaum möglich gewesen "ohne die vorangegangenen Initiativen einzelner, zum Dialog entschlossener Menschen und nicht zuletzt der Kirchen", wie Kuchcinski unterstrich.

Die Schau im Bundestag greift auf Material zurück, das vom Warschauer Museum der Geschichte Polens in Kooperation mit der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung zusammengestellt wurde. Seit November 2014 ist sie in Kreisau als Dauerpräsentation zu sehen. Im Sejm war sie bereits in veränderter Form zu Gast. Der Bundestagspräsident hob den exemplarischen Charakter der Exponate hervor. "Diese Ausstellung will nicht die gesamte deutsch-polnische Geschichte nachzeichnen", erklärte Lammert. "Sie zeigt einen Abriss über das Verhältnis unserer beiden Nationen im 20. Jahrhundert - ein vergleichsweise kurzer, aber besonders dramatischer Abschnitt unserer gemeinsamen Geschichte, der über weite Strecken von Misstrauen und Feindschaft, Krieg und Zerstörung, Flucht und Vertreibung gekennzeichnet war." Umso eindrucksvoller sei es, betonte er, "dass diese Ausstellung in Kreisau entstanden ist, einem jener wenigen Orte, deren Namen wir mit dem aktiven, wenn auch letztlich erfolglosen Widerstand gegen den Nationalsozialismus verbinden". Deutschland verbinde mit Kreisau ebenfalls die Erinnerung an die Versöhnungsmesse, die Bundeskanzler Helmut Kohl und Polens Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki dort im November 1989 gefeiert haben.

Die Macher der Ausstellung, allen voran Kurator Waldemar Czuchar und Robert Kostro, der Direktor des Museums der Geschichte Polens, zeichnen in Bildern und auf Schautafeln den Wandel der deutsch-polnischen Beziehungen von der Zwischenkriegszeit über den Krieg bis in die Gegenwart nach. KZ-Häftlinge hinter Stacheldraht in Auschwitz sind zu sehen, aber auch Bundeskanzler Willy Brandt auf den Knien vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal. Gesprengte Häuser und Kriegsruinen weichen den Bildern von der buchstäblich mit bloßen Händen eingerissenen Berliner Mauer. Daneben hängt das Wahlplakat der Freiheitsbewegung Solidarnosc von 1989, das einen stilisierten Westernhelden auf dem Weg in den Kampf zeigt.

"Ohne die Solidarnosc wäre die Mauer kaum gefallen", betonte Lammert und leitete daraus eine umso größere Verantwortung der Deutschen und der Polen für die gemeinsame europäische Zukunft ab. Kuchcinski griff diesen Punkt auf: "Deutsche und Polen wollen in einem freien und solidarischen Europa leben", versicherte der Sejm-Marschall, fragte aber im selben Atemzug, ob die Partner dasselbe unter dieser Überschrift verstünden. "Wir Polen wollen ein Europa der Vaterländer", sagte er und mahnte: "Wir müssen dringend einen Dialog über die Zukunft der EU führen." Wer wollte, konnte darin einen Hinweis auf die deutsch-polnischen Missstimmungen der vergangenen Monate sehen.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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