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Gastkommentare - Contra
Katharina Matheis "Wirtschaftswoche"
Naive Vorstellung

ANMELDEPFLICHT für Prostituierte?

Keine Frage: Es muss etwas getan werden. Das Geschäft mit dem Sex ist kaum reguliert, Bordellbetreiber arbeiten ohne Auflagen. Da klingt eine Anmeldepflicht erstmal einleuchtend. Wenn sich alle registrieren, gibt es endlich Überblick, Zwangsprostitution kann verhindert und Ausbeutung gestoppt werden.

Das ist gut gemeint, doch eine naive Vorstellung. Kein anderer Beruf ist so stigmatisiert wie der der Prostituierten. Viele arbeiten anonym, gerade im ländlichen Raum. Zu groß ist die Angst vor Tratsch und Ausgrenzung. Die wenigsten wollen in einer offiziellen Hurenkartei auftauchen. Es ist nachvollziehbar, dass sich diese Frauen nicht anmelden und damit zu illegalen Prostituierten werden. Sie sind dann nicht nur erpressbar. Sobald es Probleme gibt, trauen sie sich kaum, die Polizei zu rufen.

Doch der Anmeldezwang schadet auch den Opfern von Zwangsprostitution. Für sie wird die Anmeldung zur gefährlichen Sackgasse. Ihre Ausbeuter wollen nicht auffallen und ihre Frauen nicht nur auf den Strich, sondern auch zur Anmeldung schicken. Wie soll jemand erkennen, ob ein Mensch freiwillig unterschrieben hat? Eben.

Wie weltfremd die Idee hinter der Anmeldepflicht ist, zeigt sich in Wien. Hier gibt es eine solche Regelung seit fünf Jahren. Nicht einmal die Hälfte der Prostituierten hat sich registriert. Von den Menschenhandelsopfern hingegen, die die Polizei in den letzten Jahren ermittelt hat, war ein großer Teil als Sexarbeiter angemeldet. Ihre Ausbeutung hatte damit sogar einen offiziellen Stempel.

Viel sinnvoller wären nicht-staatliche Unterstützungsmöglichkeiten. Anonym und mehrsprachig - statt mit Zwang und auf Deutsch. Das ist es auch, was die Branche will. Nur fragt sie niemand.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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